"Die Ausdehnung war uns sehr wichtig", sagt Kultus-Staatssekretär Joachim Jacobi (CDU): Schüler, deren Schwächen im Lesen und Schreiben über Jahre nicht gewertet worden seien, dürften bei den Abschlüssen nicht plötzlich anders benotet werden.
Rund acht Prozent der Schüler in Hessen leiden unter Legasthenie, einer so genannten Teilleistungsstörung. Das schätzt der Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie (LVL). Trotz normaler Intelligenz und meist guter Noten in den übrigen Fächern haben sie Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Ursache ist laut LVL ein veränderter Verarbeitungsprozess im Gehirn. "Dafür gibt es eine genetische Disposition", ergänzt die Schulpsychologie Claudia Raykowski.
Sollen die Lese- und Schreibleistungen im Abschlusszeugnis ausgeklammert werden, müssen die Eltern dies beim Schulamt beantragen. Voraussetzung ist, dass der Schüler mehrere Jahre Förderung im Lesen und Schreiben nachweisen kann. Wer sich regelmäßig mündlich beteiligt oder Texte gut analysiert, kann dann trotz seiner Schwäche auf gute Noten hoffen. Im Zeugnis wird vermerkt, dass die Noten ohne Berücksichtigung der Lese- und Schreibleistung ermittelt wurden.
Einen so genannten Nachteilsausgleich bekommen als lese- oder rechtschreibschwach anerkannte Schüler in Hessen schon seit vielen Jahren: Sie haben bei Diktaten mehr Zeit, können bei Aufsätzen Computer mit Rechtschreibprogrammen benutzen oder einen Text auf ein Diktiergerät sprechen. "Ganz wichtig ist es, dass diese Kinder einen Text vor der Klasse nicht laut vorlesen müssen", sagt LVL-Landesvorsitzende Dietmann-Quurck.
Nach Ansicht des LVL brauchen Schüler mit Legasthenie frühere und bessere Förderung. "Den Betroffenen in so großen Klassen gerecht zu werden, ist fast unmöglich", meint Dietmann-Quurck. Legasthenie und Dyskalkulie (Rechenschwäche) seien keine Pflichtthemen in der Aus-und Weiterbildung der Lehrer. Deshalb verwechselten viele Pädagogen die Leistungsschwächen mit Dummheit oder Faulheit.
"Die Lehrer müssen besser vorbereitet werden", meint auch Schulpsychologin Raykowski. Wenn das Problem des Kindes nicht rechtzeitig erkannt werde, könne dies schwerwiegende Folgen haben: "Manche Kindern verweigern das Schreiben dann ganz." Der Leistungsdruck könne auch psychosomatische Reaktionen wie Übelkeit und Magenschmerzen hervorrufen.
Weniger bekannt als die Legasthenie ist die Rechenschwäche Dyskalkulie. Betroffene können deutlich schlechter mit Zahlen umgehen, als es ihre Intelligenz erwarten ließe. Sie schreiben 350 als 30050 oder verwechseln 24 mit 42. Während Legasthenie nach Angaben des LVL öfter Jungen trifft, leiden unter Dyskalkulie mehr Mädchen. "Die Ursachen von Legasthenie und Dyskalkulie sind fast gleich", erklärt Dietmann-Quurck. Etwa fünf Prozent der Schüler seien von Rechenschwäche betroffen.
"Dyskalkulie spielt für die Schulen zur Zeit noch gar keine Rolle", berichtet Thomas Müller vom Verband Bildung und Erziehung. Das soll sich zumindest für die Grundschulen mit Beginn des Schuljahres 2005/2006 ändern. Hessen will dann als eines der ersten Bundesländer Grundschülern mit Dyskalkulie keine Note mehr für das Rechnen geben. "Damit soll ihnen für eine gewisse Zeit der Druck genommen werden", sagt Jacobi.
Eine Ausdehnung dieses Notenschutzes auf weiterführende Schulen ist aber nicht geplant. Anders als im Deutschunterricht könne es keine sinnvolle Mathematiknote ohne die Rechenleistung geben, urteilt Jacobi. Dietmann-Quurck geht das nicht weit genug: "Oft dauert es mehrere Jahre, bis eine Förderung greift."
Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie: www.LVL-Hessen.de


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