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Berufskrankheiten

Trotz aller Whiteboards, Lernspiralen und Lernpyramiden spielen Stimme und Sprache des Lehrers immer noch eine zentrale Rolle. Leider sind sie nach Dauergebrauch von Degenerationserscheinungen betroffen. In einer umfassenden Langzeitstudie hat die Autorin Störungen im Gesprächsverhalten von Lehrern untersucht.




Unterschiede zwischen den Geschlechtern hat sie trotz aller gängigen Klischees nicht feststellen können. Allenfalls beim sozialen Stimmfühlungslaut überwiegt der Anteil der Frauen. Einige gängige Störungen werden hier kurz beschrieben. Eine ausführliche und systematische Darstellung anhand von Gesprächsprotokollen findet sich in der Habilitationsschrift der Autorin: „Deskription degenerativen Sprachverhaltens in der Pädagogik unter linguistischen und tiefenpsychologischen Aspekten“, Metzelthin April 2009, € 79,80.  

 

Die Wiederholer

 

Lehrer scheinen häufig mit begrenzter menschlicher Aufnahmekapazität zu tun zu haben. Damit sind keinesfalls nur Schüler gemeint! Über viele Berufsjahre hinweg haben manche Kollegen die Zwangsstörung entwickelt, ein und denselben Sachverhalt mehrfach in immer anderen Worten zu erklären. Nicht nur im Unterricht, sondern auch im Privatleben. Selbst wenn der Gesprächspartner bereits deutlich Verständnis signalisiert hat, wird ihm in kindgerechten Worten mindestens noch dreimal dargelegt, wie man z.B. ökologisch einwandfreie Gartenteiche anlegt. Falls derart erkrankte Kollegen Fragen gestellt und eindeutige Antworten erhalten haben, problematisieren sie ihre Frage noch mehrfach:  „Steht die Fallschirm-Arbeitsgemeinschaft eigentlich allen Schülern offen?“ „Ja.“ „Es könnte ja sein, dass nur  die Oberstufe hindarf.“ „Nein, nein, die AG ist für alle Schüler gedacht.“ „Na ja, manchmal gibt es doch  Altersbeschränkungen, deshalb frage ich.“ So ein Gespräch kann sich eine Viertelstunde lang hinziehen. Manche dieser Lehrer hören sich einfach gern reden. Andere sind durch Presse und gesellschaftliche Vorurteile so verunsichert, dass sie sich stets rechtfertigen und rückversichern müssen.   

 

Autisten

 

Als höflicher Mensch reagieren Sie, wenn jemand zu Ihnen spricht. Im Lehrerzimmer werden Sie mitunter feststellen, dass die leidenschaftlich vorgetragenen Ärgernisse an gar niemanden gerichtet sind. Der erkrankte Kollege ignoriert Ihre freundliche Antwort, krabbelt weiter in seinen Papieren herum, flucht und brabbelt leise, stellt rhetorische Fragen in den Raum, die er gleich selber beantwortet. Von Erzieherinnen wird dieses „versprachlichte und kommentierte Tun“ zur Förderung des frühkindlichen Spracherwerbs gefordert. Unter Erwachsenen wirken  Selbstgespräche eher befremdlich. Wahrscheinlich fühlen sich viele Lehrer einfach einsam und von der Gesellschaft im Stich gelassen und suchen im Gespräch mit sich selber Trost und Bestärkung.

 

Zwischenredner und Brecher

 

Lehrer sind ständig auf dem Sprung, vom Unterricht zur Vertretung, zur Aufsicht, zur Toilette, zu spontan auftauchenden Eltern. Deshalb können manche nicht abwarten, dass unwichtiges Pausengeschwätz über Integration und Altersteilzeit ein Ende findet. Der Brecher platzt einfach in jedes Gespräch rein. Auch verschlossene Türen bei der Schulleitung halten ihn nicht auf. Leider hat brachiale Sprachgewalt eine einschüchternde Wirkung. Meist stellen die anderen sofort ihr Gespräch ein, wenden sich dem Brecher zu und verstärken somit ungewollt seine Gesprächsstörung. Auf dem Höhepunkt seiner Erkrankung verlässt der Brecher nicht einmal mehr seinen Schreibtisch, sondern brüllt durchs ganze Lehrerzimmer, besonders gern, wenn jemand wichtige Telefonate führt. Eine sanftere Spielart des Brechers ist der Zwischenredner, der zu jedem, aber auch wirklich jedem Thema etwas zu sagen hat und erst dann zufrieden ist, wenn er ein Gespräch an sich gerissen hat und ungestört monologisieren kann (siehe Kapitel 5: „Scheindialoge im Lehrerzimmer“).

 

Stimmfühler

 

In kaum einer Schule finden sich Arbeitsmöglichkeiten für Lehrer, wo sie in Ruhe z.B. eine Power-Point-Präsentation erarbeiten könnten. Und selbst wenn es so etwas gibt – die nächste Kollegin, die hereinkommt, schafft es nicht, einfach still Platz zu nehmen und sich ihrem Tun zu widmen. Die Situation muss durch zwei, drei Stimmfühlungslaute „entschärft“ werden. Der Inhalt spielt dabei keine wesentliche Rolle: „Na, auch eine Springstunde zu füllen?“ oder „Hast du mit deiner Klasse schon den  Kompetenztest geschrieben?“ Ein kurzer Satzwechsel, und man könnte in Ruhe weiterarbeiten. Leider ist das nur selten der Fall. Aus drei Sätzen werden viele, und die Klausuren bleiben unkorrigiert. In der zweiten Springstunde kommt die nächste Kollegin herein: „Ach, hast du jetzt auch frei?“ Raffinierte Kollegen korrigieren ihren Kram deshalb in leerstehenden Dunkel- oder Kellerräumen.

 

Schauspieler

 

Es gibt in kaum einer Schule Rückzugsmöglichkeiten für vertrauliche Gespräche. Jeder mündliche Kontakt mit Eltern, Großeltern und Familienhelfern findet in aller Öffentlichkeit statt. Nach langer Berufspraxis können manche Kollegen gar nicht mehr ohne Publikum arbeiten. Sie laufen erst zu großer Form auf, wenn unbeteiligte Zuhörer anwesend sind. Wie ordentliche Schauspieler achten sie dann auf überdeutliche Artikulation und ausgewählte Lexik und bauen kleine Witze und Bonmots ein, die nur die Zuhörer verstehen.  Sie führen quasi ein Gespräch auf zwei Ebenen. Das klingt wie eine besondere Fähigkeit, in Wirklichkeit handelt es sich um eine ernsthafte Affektstörung, die nur schwer zu heilen ist. Genauso wie die analoge Erkrankung des notorischen Zuhörers, der stets und ganz unauffällig die Nähe zu spannenden Gesprächen sucht.

 

Für interessierte Kollegen bietet die Autorin ab Januar 2011 folgende Selbsthilfegruppen an: „Paralleles Sprechen“ und „Wie täusche ich aktives Zuhören vor?“

 

Autorin: Gabriele Frydrych

GFrydrych@aol.com


| Autor: Jürgen Spaniol

Quelle: Gabriele Frydrych

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