Ebenso eindringlich wie unbekümmert um innerdeutsche geistige Frontverläufe fordert er: ein klares Ja zu Studiengebühren - und ein ebensolches zur Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems in der herkömmlichen Form. Da knirscht es im Getriebe der ansonsten so gut geölten und immer die gleichen Ergebnisse produzierenden Denkmaschinen. Denn hier werden Rezeptbestandteile vermischt, die nach deutschen Debattenregeln immer noch als „Trennkost“ behandelt werden müssen.
Auch wenn es sich bei den Herausgebern des OECD-Berichts immerhin um die - neben Deutschland - ökonomisch weltweit führenden 29 Staaten handelt: Ein paar kräftige Striche mit der Bürste werden die deutschen Denk-Tabus der Bildungspolitik nicht einfach wegwischen. Das ist leider schon wenige Stunden nach Veröffentlichung absehbar. Umso dringender ist es, die Passagen des Berichtes umzusetzen, die auch im notorisch zerstrittenen Bildungsland Deutschland allseits zustimmende Lippenbekenntnisse hervorrufen: die Verbesserung und den Ausbau der frühkindlichen Bildungs-Infrastruktur. Bestes Beispiel dafür ist eines der größten Projekte in diesem Bereich: Im Rahmen von „Lesestart“ werden ab Ende Mai von der Stiftung Lesen und vieler Partner junge Eltern bei der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchung U6 ihrer einjährigen Kinder mit einem kostenlosen Lese- und Sprachförderungs-Set versorgt. In Großbritannien wird dies bereits seit Jahren realisiert - dank einer staatlichen Förderung von 27 Mio Pfund. In Deutschland fehlt dieses staatliche Investment. Dieses insbesondere zur Förderung von Kindern aus bildungsfernen Schichten dringend notwendige Projekt würde gar nicht existieren, wenn es das Engagement des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) und weiterer Sponsoren nicht geben würde. Und selbst jetzt können wir zwar in den kommenden zwei Jahren 500.000 Familien mit dem Set ausstatten - das Ziel einer Vollversorgung wie in Großbritannien ist jedoch noch weit entfernt.
Deutschland versäumt es, einem großen Teil seiner Kinder vor Eintritt ins Schulalter die Grundlagen für spätere Bildungsfähigkeit zu vermitteln: Weil viel zu wenige Kinder die Chance haben, in Kindertagesstätten gefördert zu werden - und weil auch die Kindertagesstätten zwar Bildungsimpulse vermitteln; dies jedoch noch in einem viel zu geringem Ausmaß. Das kostet Geld, viel Geld. Aber - auch das stellte die OECD fest: Deutschland ist ein wirtschaftlich gut dastehendes Land. Es hat mehr Handlungsspielraum, als gerade bezüglich Bildungsreformen behauptet wird. Das wird nicht ewig so bleiben, wenn die nachwachsende Generation nicht durch einen entsprechenden Bildungsgrad in die Lage versetzt wird, unsere hohen ökonomischen Standards zu halten.
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Eine Stellungnahme von Heinrich Kreibich, Geschäftsführer der Stiftung Lesen, zum „Wirtschaftsbericht für Deutschland“ der OECD vom 9. April 2008 - Mainz, 10. April 2008 - Der OECD „Wirtschaftsbericht für Deutschland“ bürstet jahrzehntealte Ideologien, die bei uns immer noch - bis in die letzten Wahlkämpfe hinein - die bildungspolitische Debatte beherrschen, gegen den Strich.
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