Denn wie man nun fortan „kompetenzorientiert“ unterrichten sollte, darüber schwiegen sich die meisten ministeriellen Verlautbarungen aus.
Umso mehr ist es zu begrüßen, dass mit „Lernkompetenz fördern - damit lernen gelingt“ ein 18-köpfiges Autorenteam unter der Herausgeberschaft von Renate Buschmann die Kompetenzorientierung und -förderung vom Kopf auf die Beine stellt. Das Buch ist aus der Praxis entstanden und für die Praxis geschrieben. Alle Autorinnen und Autoren stehen mit beiden Beinen in der Schulpraxis und sie vertreten alle Schulformen von der Grundschule, über die Förderschule bis zum Berufskolleg. So wird das Buch zu einem Fundus für jeden und jede, die in ihrem Unterricht die Förderung von Schülerkompetenzen in den Mittelpunkt stellen will.
Lernen als aktiver Prozess
Als der Ulmer Neurologe und Hirnforscher Manfred Spitzer einmal gefragt wurde, was er als erstes verändern würde, wenn er Kultusminister wäre, lautete seine Antwort: „... dass Klassenarbeiten nicht mehr über den Stoff der letzten 6 Wochen geschrieben werden dürfen. Denn dies würde die Lernkultur in unseren Schulen revolutionieren!“ Mit diesem kurzen Zitat ist vielleicht am einfachsten umschrieben, dass die Förderung von Lernkompetenz auch einen neuen Lernbegriff impliziert: Lernen wird als aktiver Aneignungs-Prozess verstanden und setzt eine aktive Beteiligung der Lernenden voraus. Diese ist umso höher, je größer das Interesse an der Sache selber und je stärker die eigene Motivation zum Lernen und zur Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Lernstoff ist. Beides ist abhängig davon, wieweit die Lernenden eingebunden sind in die Gestaltung und Steuerung des eigenen Lernprozesses und wieweit sie sich mit den Wissensfragen identifizieren und diesen eine Bedeutung zuordnen können.
Mit verständlichen Überlegungen leitet Renate Buschmann den kurzen Theorieteil des Buches ein. Im Folgenden beschreibt sie - immer wieder mit Bezug zu Beispielen aus der Unterrichtspraxis - die Standards für erfolgreiches Lernhandeln der Schüler ebenso wie für förderndes pädagogisches Handeln der Lehrkräfte. Der Leser wird kompetent eingeführt in die Planung, Strukturierung und Umsetzung kompetenzorientierter Lernprozesse und in die Sinnhaftigkeit und den Wert eigenverantwortlichen Arbeitens auf Seiten der Schülerinnen und Schüler. Selbsttätig- und Selbstständigkeit bleiben hier keine leeren Worthülsen, sondern sie werden anschaulich in einen konzeptionellen Rahmen eingebettet, der deutlich werden lässt, dass die Vermittlung überfachlicher Kompetenzen in der Verknüpfung mit relevanten Fachinhalten sehr gut möglich ist. So sind auch die mehr als zwei Dutzend Praxisbeispiele aus dem Unterricht, die diesem Kapitel folgen nicht nach Schulformen oder Unterrichtsfächern unterteilt, sondern nach den Grundprinzipien eines kompetenzfördernden Lernarrangements.
Ziele, Inhalte, Anforderungen transparent gestalten ist das erste Set an Praxisbeispielen überschrieben. Hier wird z.B. die Arbeit mit Kompetenzrastern und Trainingsplänen vorgestellt, im Mathematikunterricht wie in den Naturwissenschaften, in der Grundschule wie in der Oberstufe.
Differenzieren, unterschiedliche Lernwege und individuelle Leistungen ermöglichen und Wechselspiel zwischen Selbststeuerung und Kooperation sowie Lernerfahrung reflektieren, Lernstand feststellen und Leistung bewerten
sind die weiteren Kapitel überschrieben und sie erfüllen allesamt den Anspruch, den sie mit dem jeweiligen Titel vorgeben! Jedes Praxisbeispiel erläutert anschaulich Ziele, Planung und Durchführung des jeweiligen Lernarrangements - es einfach Unterrichtsstunde oder -einheit zu nennen, würde dem Ganzen nicht gerecht werden. Vielfach wird auch eine eigene Reflexion des Autors bzw. der Autorin angehängt und Überlegungen zu Alternativen vorgenommen.
Und was das Beste ist: Die CD-Rom zum Buch enthält sämtliche Materialien der Praxisbeispiele in bearbeitbarer Form plus Zusatzmaterial zu den jeweiligen Themenblöcken.
So bleibt mir nur als Fazit: Wer seinen Unterricht egal in welcher Schulform und mit welchem fachlichen Schwerpunkt die Förderung von Lernkompetenz und die Schülerorientierung in den didaktisch/methodischen Mittelpunkt stellen will, wird mit diesem Buch eine unschätzbare Hilfe und Orientierung erhalten.


Österreich
Als die Kultusministerkonferenz im Juni 2002 Bildungsstandards für die meisten Fächer verabschiedete, wurden gleichzeitig auch fachliche und überfachliche Kompetenzen definiert, die Schülerinnen und Schüler bis zu einem bestimmten Abschluss erreichen sollten. Darauf folgten in den meisten Bundesländern kompetenzorientierte Kernlernpläne, die vermutlich viele Lehrkräfte ebenso ratlos dreinschauen ließen, wie manch andere „Kopfgeburten“ der KMK oder der Schul- und Bildungsministerien.
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