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Happy New Year! - Von Gabriele Frydrych

In den Frauenzeitschriften beginnen ab Neujahr die mageren Wochen. Die Hefte sind ohne die Weihnachtswerbung ganz dünn. Dünner sollen auch die Leserinnen werden. Nach den fettigen Feiertagen startet das alljährliche Diätprogramm: Sechs Kilo in sechs Tagen. Oder sind sechs Pfund in sechs Monaten doch besser? Genauso unklar bleibt: Soll man tonnenweise Kohlenhydrate zu sich nehmen oder möglichst gar keine mehr?



Während ich noch grüble, beginnt zunächst mein Konto eine Diät: Der bedürftige Energiekonzern muss unbedingt die Strompreise erhöhen, die Hausverwaltung konstatiert weinerlich Unmengen an Betriebskosten und will sie zurück. Seit viele Nachbarn ihre Bügelautomaten und Schrankkoffer einfach neben den Mülltonnen abstellen, wird auch die Sperrmüllabfuhr immer teurer. Die Krankenkasse braucht mehr Geld, die Pflegeversicherung schließt sich gleich an. Alle meine dynamischen Versicherungen erhöhen sich automatisch, dafür bekomme ich später mal bombastische Zusatzrenten. Die Arztrechnungen zum Jahresende bescheinigen mir eine besonders komplizierte Persönlichkeit, denn alle Mediziner behandeln mich unter erschwerten Bedingungen und mit erhöhtem Gebührensatz, selbst wenn sie nur Hustentropfen verschreiben. Mein Gehalt steigt seit Jahren leider überhaupt nicht – im Gegenteil: Eine „Nachberechnung aus Vormonaten“, die ich mal wieder nicht verstehe, zwackt mir 300 Euro ab. Eine raffinierte Methode, das bisschen Weihnachtsgeld gleich wieder abzukassieren.
 

 

Die Askese zum neuen Jahr betrifft nicht nur Kilos und Kontos. Weise Menschen rufen in Medien und Kirchen generell zum Verzicht auf: Man soll sich wochenlang von oralen Sucht- und Genussmitteln und elektronischen Unterhaltungsmedien fernhalten. Als Ersatz werden meditative Spaziergänge, Briefwechsel mit alten Freunden und ehrenamtliche Tätigkeiten vorgeschlagen. Ja, sogar Bücherlesen wird empfohlen. Katharsis an allen Ecken und Enden. Seine guten Vorsätze soll man bis zum nächsten Jahreswechsel an einem sicheren Ort verwahren und dann Rechenschaft ablegen. Als Kind hatte ich zu Neujahr auch immer gute Vorsätze: meinem Mütterlein im Haushalt helfen, meinen kleinen Geschwistern mit Wohlwollen begegnen und nicht mehr in der Speisekammer naschen.

 

 

Aber was soll ich mir dieses Jahr vornehmen? Zehn Kilo weniger wären nicht schlecht, aber ich bin unsicher wegen der richtigen Kohlehydratzufuhr. Weil mir partout nichts einfällt, bringt mir mein Partner grinsend eine Liste, die er in liebevoller Kleinarbeit verfasst hat (man muss wissen, dass wir beide – in Masochismus vereint – gemeinsam eine achte Klasse leiten):

 

 
  1. Ich will konstruktiver sein und nicht mehr so viel spotten.
  2. Ich bekämpfe meine Misanthropie und habe fürderhin alle lieb.
  3. Ich gratuliere den Schulrätinnen zum Geburtstag
  4. Ich arbeite nur noch im Team und halte mich gern im überfüllten Lehrerzimmer auf.
  5. Ich lasse mich aufrichtig auf alle „innovativen“ pädagogischen Gags ein!
  6. Ich bilde mich zu Themen wie White Board, Lerninseln, Lernkäfige und Fishbowl umfassend fort.
  7. Ich gehe regelmäßig zur Steuerungsgruppe unseres Instituts und verziehe keine Miene, wenn der lustige Herr von der Universität erzählt, was zeitgemäßer Unterricht ist.
  8. Ich verziehe auch keine Miene, wenn seine eifrigen Studenten zum wöchentlichen Evaluieren kommen.
  9. Ich melde mich freiwillig als Evaluationsbeauftragte unserer Schule.
  10. Zur Stärkung der Corporate-Identity unserer Anstalt komponiere ich eine Schulhymne und erarbeite samstags in jahrgangsübergreifenden Schreibwerkstätten einen mitreißenden Text.
  11. Ich verziehe die Mundwinkel nicht mehr, wenn jemand ein Plakat„aufgehangen“ hat, „einen Inhalt kommunizieren“ oder gar „verschriftlichen“ will.
  12. Ich grinse nicht defätistisch, wenn die Sozialpädagogin nach ihrer Fortbildung meine Schüler unbedingt zu Buddys machen will.
  13. Ich bin zu allen Lesepaten, Aushilfsstudenten, Senior-Partners, Seniorinnen-Partnerinnen und Elternvertretern freundlich und hilfsbereit.
  14. Ich gehe ans Telefon, wenn die Eltern meiner Schüler anrufen, und schalte nicht automatisch den Anrufbeantworter ein.
  15. Ich bin geduldig und gaaanz ruhig, wenn mein Lieblingsschüler Patrick kippelt, sich das Lineal ins Ohr schiebt und leise rülpst.
  16. Ich behandle SchülerInnen gerecht, auch wenn sie Kevin oder Chantal heißen.
  17. Ich stifte zwei Eimer lindgrüner Farbe und streiche damit unseren Klassenraum.
  18. Ich fördere jeden Schüler individuell, auch Patrick – koste es, was es wolle!
  19. Ich fahre mit unserer Klasse in den Heidepark Soltau.
  20. Aus Solidarität mit gläubigen Schülerinnen gehe ich an islamischen Feiertagen mit einem schicken Kopftuch in die Schule.
  21. Ich achte überhaupt mehr auf korrekte Berufskleidung.
  22. Ich lege mit meinen Schülern ein Radieschenbeet im Schulgarten an und hoffe, dass ich die Pflanzen nicht schon vor meiner Pensionierung von unten betrachten muss.
 
Dann sind meinem Partner leider die Ideen ausgegangen. Ich ergänze Punkt 23: „Ich bremse auch für Männer“, kreuze ein paar der Vorschläge an und verrate Ihnen Silvester 2010, ob ich sie realisiert habe.  

 

Gabriele Frydrych

GFrydrych@aol.com

 

 
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