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Editorial der 8. Kalenderwoche 2010 zum Thema "Der schöne Schein "

Liebe Leserinnen und Leser der TeachersNews,

nach längerer Krankheit komme ich in die Schule zurück. Die zweite Stunde läuft gerade. Auf dem Hof ist es leer. Wirklich leer. Kein Müll liegt herum. Die Schüler haben wahrscheinlich Ehrfurcht vor all den frisch gepflanzten Rosenstöcken. Über dem Eingang hängt ein gigantisches Plakat mit der Aufschrift „Herzlich willkommen!“ Ich bin gerührt. Das wäre doch nicht nötig gewesen!




 

 

Dass mir zu Ehren allerdings auch die Fensterfront in der Vorhalle geputzt wurde, kann ich mir trotz aller persönlichen Meriten nur schwer vorstellen. Auf jeder freien Fläche hängen jetzt säuberlich gestaltete Plakate, die unsere Unterrichtsaktivitäten dokumentieren. Neben der Bücherei steht sogar eine große Litfass-Säule mit Schulnachrichten. Die Fotogalerie des Kollegiums vorm Sekretariat ist erneuert worden! Ich reibe mir die Augen: Alle Kollegen frisch onduliert, in Pastellfarben getaucht und leutselig lächelnd. Nur bei meinem Namen klebt noch das alte Foto: schwarzer Pullover, Augenringe und Griesgram im Mundwinkel.

 


Im Lehrerzimmer leere Tische und kantenrein ausgerichtete Bestuhlung. Keine Prospektstapel, keine vermodernden Kaffeetassen, keine obskuren Plastiktüten. Die alten Jacken und Schals, die seit Jahren an der Garderobe verstaubten, sind verschwunden. Mein ausrangierter Regenschirm und die ramponierte Gitarre ebenfalls. Was ist hier los? Sind alle nach Finnland evakuiert worden? Mein Postfach ist das einzige, das überquillt. Hier stapeln sich die Blätter aus den Vertretungsstunden. Der vertretende Kollege hat eine Aufgabe gestellt, die Schüler pinseln eifrig (oder auch nicht), und zum Schluss kommt alles einfach ins Fach der kranken Kollegin. Wenn sie wiederkommt, wird sie glücklich sein, gleich etwas Arbeit vorzufinden. Aber oh Wunder! Ich sehe nur korrigierte Übungen. Manche sogar laminiert und mit aufmunternden Kommentaren versehen: „Weiter so, Jakkeline!“


Unsere Schulleiterin erscheint im Türrahmen. Flottes Leinen umspielt ihre Gestalt, die auffällig rot bemalten Lippen probieren ein falsches Lächeln: „Na, Frau Frydrych, auch mal wieder da? Sie schaffen es doch, bis Mittwoch Ihren Klassenraum zu renovieren?!“ Fragezeichen erscheinen auf meiner Stirn. „Meine Liebe, die Schulinspektion kommt in drei Tagen! Wir wollen beim weltweiten Potjomkin-Ranking doch nicht wieder auf dem vorletzten Platz landen! – Im  Souterrain finden Sie alles, was Sie zum Streichen brauchen!“  So einfach ist die direktoriale Sicht der Welt. Bevor ich im muffigen Dunkel des Kellers Farbeimer und Pinsel sichte, muss ich über meine alte Gitarre, diverse Umzugskisten, alte Fernseher und Bücherstapel steigen. Hier unten stehen jetzt auch die grünlich-blassen Hydrokulturpflanzen, die im ganzen Gebäude durch Kübel mit Tulpen, Narzissen und Glockenblumen ersetzt worden sind.


Im Musikraum neben meiner Klasse probt der Schulchor ein Lied mit dem hitverdächtigen Refrain: „Lernen und leben!“ Hat unser Schulrat etwas Neues komponiert? Im Klassenraum sitzt mein Lieblingskollege, der im Laufe vieler Schuljahre einen gewissen Zynismus entwickelt hat. Er versucht, anhand seines Lehrerkalenders zu rekonstruieren, was er in den letzten Wochen im Unterricht gemacht haben könnte. „Stationenlernen“ notiert er mit Schönschrift in seinem leeren Kursbuch. Eine Methode, die er bisher begrinst hat. „Es ist nie zu spät dazuzulernen“, verkündet er, als er meine Irritation bemerkt. Doch keinerlei Ironie ist in seinen stahlblauen Augen zu erkennen. Er meint es ernst. Neben ihm liegen Aufsätze unserer Klasse, die ich längst korrigiert und mit den Schülern besprochen habe. „Die musst du für unser gestiegenes Qualitätsprofil noch einmal gründlich durchgehen und professionelle Kommentare darunter schreiben. Die Schüler sollen doch in ihrer Selbstevaluation eindeutige Unterstützung erfahren. – Außerdem musst du noch im Instrumentenraum Staub wischen! Aber feucht!“, erklärt er. – „Kennst  du eigentlich Gogols Revisor?“, frage ich voller Unschuld.


„Mit deinem ständigen Spott desavouierst du nur unsere Schulkultur!“, weist er mich zurecht. „Denk lieber mal über Methodenvielfalt in deinem Unterricht nach!“


Ein Teil unserer Klasse entfernt gerade Aphorismen und Aktmalerei von den Tischen. Saskia und Filine versuchen, den schuleigenen Meerschweinchen die Zähne zu putzen. Die restlichen Schüler benoten derweil auf so einer Leck-mich-Homepage die Lehrer der Anstalt (natürlich unter Aufsicht).  Auf unserer schuleigenen Homepage blinkt und blitzt es vor lauter Links und animierten Männlein. Im Rahmen der Budgetierung hat die Schulleiterin zwei Computerexperten eingestellt. Alle halbwegs gelungenen Klimmzüge unserer Schüler stehen nun im weltweiten Netz.  Vor allem aber die Kontakte mit unseren Partnerschulen in Ulan-Bator und Timbuktu. Und eine Lernplattform für den Ethikunterricht!


In der Mensa will ich mir zum Trost einen starken Kaffee holen und finde nur noch Hagebuttentee, frisch polierte Äpfel und Vollkornbrötchen mit Hüttenkäse.


Ich bin hier falsch. Eindeutig.

 

Von Gabriele Frydrych

mailto:GFrydrych@aol.com

 


Ein angenehmes Wochenende wünscht Ihnen,

 

Jürgen Spaniol, Redaktion TeachersNews


 
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