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Editorial der 10. Kalenderwoche 2010 von Gabriele Frydrych zum Thema " Schulinspektion - "Ameisenhaufen" "

Als hätte man mit einem Stock in einen Ameisenhaufen gepiekt!
Eine ganze Schule gerät in kollektive Lehrprobenstimmung. Gestandene Kollegen fragen ihre Fachbereichsleiter: „Kann ich so was machen?“ oder „Was ist eigentlich ein Portfolio?“  Seit vier Monaten ist bekannt, dass die Inspektoren kommen. Ein stoischer Kollege erklärt, das sei in der freien Wirtschaft völlig normal. Wir sollten uns nicht so anstellen. Seine Frau arbeite in einem gigantischen Konzern und werde täglich kontrolliert. Er hat ja Recht, Schule ist auch nur ein Produktionsbetrieb mit Management, Bildungsressourcen, Kompetenzen, In- und Out-put. Der Humboldt’sche Bildungsbegriff ist so was von veraltet!




Ich ertappe den Kollegen, als er nach der 9. Stunde stapelweise Materialien kopiert. Ich frage unschuldig: „Findest du Stationenlernen nicht doof?“ Er wird ein wenig rot und behauptet, für seine Tochter zu kopieren, die als Referendarin ständig Lernbüffets, Puzzles, Wochenpläne und Fishbowls (hä?) vorbereiten müsse. Frontalunterricht würde der pädagogische Nachwuchs gar nicht mehr beherrschen. „Was für ein Glück“, denke ich, „Millionen Menschen sind durch Frontalunterricht unwiederbringlich und nachhaltig geschädigt worden!“

 

Schon vor Jahren hat mich ein vorausschauendes Mitglied der Schulleitung geheißen, alle Schulzeitungen, Projektunterlagen und Urkunden für eine eventuelle Inspektion zu archivieren. Nun schleppe ich die Kartons in die Schule. Im Sekretariat sortiert die neue Ein-Euro-Kraft sämtliche Presseberichte über unsere Anstalt, alle Anagramme und „Elfchen“ unserer SchülerInnen, die in der „Bäckerblume“ veröffentlicht wurden, jede Menge Wettbewerbe, Tabellen, Abiturthemen und Evaluationsberichte. Der Rektor trägt neuerdings immer sein Bundesverdienstkreuz. Er hat die grauen Haare überfärbt und sein Minipli auffrischen lassen. Im vertraulichen Gespräch lamentiert er, dass man mit einem überalterten Kollegium natürlich nicht besonders innovativ sein könne.

 

Einmal in der Woche werden wir auf zusätzlichen Dienstbesprechungen „gebrieft“, worauf die Inspektoren achten werden. Aus entsprechenden Handbüchern bekommen wir Leitlinien, Fragebogen und Lösungsblätter kopiert. Uns wird „kommuniziert“, dass wir mehr auf Kleidung und korrekte Mülltrennung im Klassenraum achten müssten. Im Lehrerzimmer pinseln alle eifrig in ihren Klassenbüchern rum und richten Bücher und Hefter kantenrein aus. Einige Kollegen diskutieren, ob es die Potjomkinschen Dörfer wirklich gegeben hat. Einer behauptet, die Inspektoren kämen mit Sicherheit alle aus dem Osten, aber das glaube ich nicht.

 

Tag X kommt. Da hat man also ein paar Schulflüchtige in Anzüge gesteckt, und schon sind sie „Inspektoren“. Mit bitterernster Miene und Klemmbrett schreiten sie durch unsere Anstalt, erscheinen grußlos im Unterricht, verschwinden nach zehn Minuten und hinterlassen ein wenig Irritation. In jedem Raum müssen sechs Stühle für sie bereit gehalten werden. Ich stelle den Polsterstuhl mit der gesprungenen Feder dazu. Sollen sie ruhig darin versinken und konstatieren, unter welchen Konditionen wir arbeiten. Hoffentlich müssen sie oft telefonieren! Unsere Anlage funktioniert seit Wochen nicht. 

 

Am Tag X dient die erste Stunde der „Kalibrierung“. Nie gehört, das Wort. Bis heute weiß keiner, ob es transitiv oder reflexiv verwendet wird, ob der beobachtete Kollege oder die Inspektoren Objekt oder Subjekt der Handlung sind. Als wir morgens erfahren,  wer als Maßstab für alle anderen herhalten muss, macht sich gewisse Erleichterung breit. Die ausgewählte Kollegin (ein Jahr vor der Pensionierung) verschwindet hektisch, wischt im Raum die Tafel, rückt die Tische und Gardinen zurecht, tauscht noch schnell ein paar uralte Bücher aus und nennt die Schüler im Unterricht pausenlos „Meine Lieben“, was die Kinder schwer verunsichert, weil sie noch nie so angesäuselt worden sind. So merkt aber niemand, dass sie nicht alle Namen weiß.

 

„Waren sie schon bei dir?“, ist an diesem Tag die häufigste Frage im Kollegium. Zu manchen Lehrern kommen sie gleich zweimal. Vermutlich überprüfen sie, ob man in jeder Stunde dasselbe macht. Kollegen, die überraschend vertreten müssen, freuen sich besonders über diese Unterrichtsbesuche.

 

Nachmittags werden handverlesene Eltern interviewt. Die Gespräche unterliegen der Geheimhaltung. Glücklicherweise habe ich redselige Elternvertreterinnen. Sie sollten erzählen, ob unser Rektor zu weich ist und wie viele Lehrer sie wirklich schätzen.  Ob sie wöchentliche Rapporte über die Kompetenzentwicklung ihres Nachwuchses erhielten. Und ob sie diese Anstalt fliehen würden, wenn der Inspektionsbericht negativ ausfällt. Die Eltern wollen solche Fragen nicht beantworten.  Nur die Frage, welche Kommunikationswege es für sie in die Schule gebe, beantworten angesichts der defekten Telefonanlage gerne: „Trommeln und Rauchzeichen“.

 

Im Lehrerinterview werden die auserwählten Kollegen süffisant damit konfrontiert, dass unsere Schüler ratlos auf die Frage reagiert hätten, nach welchen Methoden man sie unterrichtet. „Tja“, sagt schließlich der Deutschfachleiter, „Sie hätten die Kinder halt nach instrumentellen Lernzielen fragen sollen!“

 

Nachdem ich wochenlang darüber gespottet habe, wie Kollegen blindwütig alle Unterrichtsergebnisse laminieren und Tüten mit literarischen Schnipseln und binnendifferenzierendem Bildmaterial füllen, hat auch mich die Nervosität erwischt. Am Wochenende vor Tag X fahre ich nachts ins Copy-Shop an der Uni. In der Schule vermute ich zu Recht endlose Warteschlangen, fehlendes Papier und defekte Geräte. Alle meine Stunden habe ich für den Notfall in drei Varianten vorbereitet und trage schwer an Alternativmaterial und individuellen Arbeitsbogen. Und? Kein einziger Inspektor verirrt sich zu mir!


Gabriele Frydrych
Gfrydrych@aol.com

 


 
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