Meine Mathe-Kollegin hat hektische Flecken im Gesicht. Ihre Arbeiten im 10. Jahrgang sind miserabel ausgefallen. Sie muss mit deutlichen Lohnabzügen rechnen, ihr Versagen vor dem Kollegium analysieren und sich zu mehrwöchigen Fortbildungen verpflichten. Lahme Ausreden, dass ihre Klasse besonders schwierig und leistungsschwach sei, ziehen nicht. Aufgeregt wirkt auch der Sportfachbereichsleiter. Bei ihm sind zwei Schüler vom Reck gefallen und mussten zum Unfallarzt. Ob er seinen nächsten Urlaub in die Malediven noch finanzieren kann? Schließlich hat er es auch versäumt, termingerecht ein Sitzungsprotokoll zu erstellen und mit gebügelten Hosen zum Dienst zu erscheinen. Außerdem schwänzen in seiner Klasse drei Schüler. Da kommt er übers Grundgehalt nicht hinaus. Er muss seinen Urlaub wohl in der Eifel verbringen. Ich grinse schon mal schadenfroh zu ihm rüber.
Frau Weißbecker-Hermeshansel sieht der Prämienverteilung vertrauensvoll entgegen. Ihre Klasse hat den bezirksinternen Lesewettbewerb gewonnen, und die „Bäckerblume“ hat sogar darüber berichtet. Das gibt gleich zwei Bonusstufen extra! Ich rechne auch mit einer Leistungsprämie. Beim letzten Aufsatz haben meine SchülerInnen nur Einsen und Zweien produziert. Außerdem sind im vergangenen Monat meine Bewertungen auf „www.spickmich.de“ sehr gut ausgefallen. Eine beachtliche Prämie wird sicher der Kollege erhalten, der zum Empfang des Bundespräsidenten eingeladen war. Er ist zwar nicht der beste Pädagoge unserer Anstalt, aber der bestgekleidete, und er versteht es, sich und seine unausgegorenen Ideen stets öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen. Bösartige Kollegen munkeln, dass er privat beim Schulleiter ein- und ausgeht. Sein Scheck steckt in einem goldenen Umschlag: Er ist der “Power-Teacher“ des Monats und kommt auf die Plakatwand „Unsere Leistungsträger“. Natürlich werden auch die Minderleister öffentlich ausgestellt.
Prämien gibt es für die Kollegin, die zehn neue Mitglieder für den Förderverein unserer Schule werben konnte. Andere Leistungsträger haben 22 Schüler für einen Wahlpflichtkurs Latein gewonnen oder die begehrte Arbeitsgemeinschaft „Fallschirmspringen“ angeboten. Das macht sich gut auf unserer Homepage. Eine Kollegin hat den Schulgarten umgegraben, eine andere alle Fußbälle aufgepumpt. Kritische Anmerkungen auf Gesamtkonferenzen führen zu schärferer Kontrolle und in der Regel zu Bonusverlusten. Dann erklärt der Schulleiter zu unser aller Empörung, warum die Nachbarschule in der externen Evaluation noch erfolgreicher ist als wir. Sie haben heimlich einen Kollegen dafür abgestellt, der missliebige und unwillige Schüler rausekelt und so den Leistungslevel erhält.
Am Ende der Konferenz tanzen wir alle noch eine Runde um den Jackpot und singen: „Von den Banken lernen, heißt siegen lernen!“ Im Jackpot befinden sich Spenden unserer Sponsoren und Bußgelder von Eltern, deren Kinder keine Hausaufgaben gemacht haben. Nur ein Kollege tanzt wie immer nicht mit. Dieser Gutmensch verweigert sich der neuen Orientierung und kommt standhaft mit seinem Grundgehalt aus. Er will nicht dem schnöden Mammon dienen. Er meint auch ernsthaft, mit einer Arbeitsgemeinschaft „Ethos und Moral in Zeiten der Globalisierung und Pekunisierung“ Schüler attrahieren zu können. Lächerlich.
Als ich mich fröhlich mit meiner Zulage in die Klasse begebe, steht Max-Linus schon im Türrahmen und hält die Hand auf: „ Non scholae, sed pecuniae discimus! Wenn Sie uns nicht an Ihrer Prämie beteiligen, stimmen wir nächstes Mal bei Spickmich.de für Herrn Meier-Lühr! Und die Kontrollarbeit in Wirtschaftswissenschaft können Sie auch vergessen!“
Gabriele Frydrych
Gfrydrych@aol.com


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