Um mich herum mutieren Menschen. Sie wedeln mit Spielplänen und Röntgenaufnahmen von Ballacks Gelenken herum. Sogar Frauen sind infiziert und beklagen den verletzungsbedingten Ausfall berühmter Sportlerwaden. Dumme Bemerkungen zum Thema Fußball werden einfach ignoriert. Sogar meine betagte Mutter hat sich einer Tippgemeinschaft angeschlossen. Mein Neffe hat eine Homepage zur Fußball-WM eingerichtet. Mir gefallen dort vor allem die holländerfeindlichen Witze (Man kann die Holländer durch jede andere missliebige Nation ersetzen). Die Fußballersprüche auf der Website vertreiben meine gelegentlichen Zweifel am geistigen Zustand unserer Republik: „Mailand oder Madrid – egal. Hauptsache, Italien.“ oder „Je länger das Spiel dauert, desto weniger Zeit bleibt.“ „Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken.“ Zum Thema Frauenfußball hat mein Neffe auch einen Link: Dort findet man elf blonde Mädels mit klatschnassen Trikots. Der feministische Einfluss seiner Tante hat noch nicht richtig gegriffen.
Sommerfeste, Elternabende und literarische Zirkel müssen sorgfältig terminiert werden, weil niemand kommt, wenn Deutschland gegen Andorra spielt. Die Nation und meine Schüler grübeln über die Aufstellung fürs erste Spiel. Selbstverständlich muss ich als Lehrerin aktuelle Themen aufgreifen und lasse die 10. Klasse eine Erörterung schreiben, ob der An- und Verkauf von Fußballern als moderner Menschenhandel gesetzlich eingeschränkt werden sollte. In meinen Grammatikaufgaben tummeln sich Schweinsteiger, Klose und Lahm. Noch nie habe ich in meiner achten Klasse so heiße Diskussionen erlebt. Es geht um den Fußballschuh, mit dem die deutsche Mannschaft ausgestattet ist. Da kann man nach jedem Spiel die Sohlen wechseln, und wenn man mit den Wunderschuhen zutritt, bekommt der Ball einen ganz feinen Linksdrall. „So, wie die Kulturen im Biojoghurt?“, frage ich interessiert und ernte – wie so oft in diesen Tagen – tiefe Verachtung. Im Klassenraum werden die Plakate ausgetauscht: statt hormongespritzter R&B-Bräute jetzt muskulöse Fußballerbrüste. Ich verkneife mir die Frage, warum die Türkei bei der WM nicht dabei ist. Ich habe Angst vor Ausschreitungen im Klassenraum.
Vor den Zeugniskonferenzen wollen viele Schüler noch schnell ein Referat halten. Das ganze Schuljahr über bin ich auf taube Ohren gestoßen, wenn ich dramatischen Leistungsabfall, Trainingsrückstände und mangelnde Motivation beklagt habe. Nun, wo es mit der Zensurenfindung zeitlich eng wird, muss ich Powerpoint-Präsentationen über Beckham und Maradona, spannende Details aus der Geschichte des Fußballs und Wissenswertes über die Herstellung von Fußbällen über mich ergehen lassen.
Meine Schüler zwingen mich zu Bekenntnissen: „Für wen sind Sie?“ Sogar fremde Schüler fragen mich das auf dem Hof. Als ich anfangs: „Nordkorea“ antworte, grinsen sie noch. Aber je näher die Veranstaltung rückt, desto weniger Humor haben sie. Also muss ich jetzt notgedrungen die Überschriften im Sportteil lesen, damit ich am nächsten Tag mit meinem Halbwissen angeben kann. Jüngere Schüler lassen sich manchmal noch bluffen. Ich zitiere zwei, drei Sätze aus dem Sportteil und stehe als Fußballspezialistin da: „Also die Australier haben richtig gut gekämpft! – Warum sagt den Deutschen eigentlich niemand, dass sie ins Tor schießen müssen und nicht an den Pfosten?“ Ehrfürchtige Blicke antworten mir.
Bei der letzten WM wollte unsere damalige 10. Klasse das Spiel Türkei – Deutschland unbedingt im Garten meines Partners sehen. Der Rasen hat sich davon noch immer nicht erholt. Glücklicherweise fällt das Endspiel diesmal in die Sommerferien. Wenn es soweit ist, werde ich mir einen Traum erfüllen: Ich werde einen beliebten Berliner Badesee und die Straßen dorthin ganz für mich allein haben! Es sei denn, Deutschland spielt gegen Holland....Nein, auch dann kaufe ich mir weder Tröte noch Fahne!
Gabriele Frydrych


Österreich
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