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Verschlechterung der Schreibleistungen durch die Rechtschreibreform: Trägt die empirische Grundlage?

Aktuell geistern Befunde durch den Blätterwald (BILD, FOCUS, Börsenblatt usw.), die belegen sollen, dass sich die Schülerleistungen als Folge der Rechtschreib-Reform deutlich verschlechtert haben. Die Medien beziehen sich auf einen Vortrag des Germanisten Uwe Grund vor der Forschungsgruppe Deutsche Sprache, die der Rechtschreibreform generell kritisch gegenübersteht.




Auch wenn die in seinem Bericht publizierten Daten (z. B. zur s-/ss-/ß-Schreibung) Anlass für ernsthaftes Nachdenken und weitere Analysen sein müssen, rechtfertigen sie das harsche Urteil nicht. Die berichteten Urteile sind mit großer Vorsicht zu interpretieren:

 

• Der Autor selbst vergleicht Klassen einer (!) norddeutschen Schule 1970/72 mit Klassen einer (!) südwestdeutschen Schule 2004/06, wobei es sich um vier Diktate in maximal 6 Klassen der Jahrgänge 5-7 handelt, die Anzahl der in den Vergleich jeweils einbezogenen Lerngruppen und SchülerInnen aber unklar bleibt.

 

• Die von ihm ergänzend zitierte Abiturstudie zeigt bereits vor der Rechtschreibreform deutliche Anstiege der Fehlerquoten, so dass es auch andere Gründe für den beobachteten Fehleranstieg unter den Abiturienten geben kann (z. B. die erheblichen Veränderungen der Population in dieser Schulform).

 

• Grund zitiert drittens  eine Untersuchung von uns, deren Ergebnisse wir selbst sehr viel zurückhaltender gedeutet haben (Brügelmann 2003b) und nach weiteren Analysen später sogar korrigieren mussten (Brügelmann 2004m).

 

• Er verwendet dramatische Prozentwerte („330%“), die sich zum Teil auf marginale Größenordnungen beziehen (z. B. Zuwachs einer Fehlerkategorie von 0,2 auf 0,6 Fehler pro 100 Wörter).

 

• Er bezieht wesentliche Daten und Erklärungsversuche nicht ein, die zu einem differenzierteren Bild führen würden, wenn z. B. als Ursache neben den orthographischen Regelungen auch die Lernsituation (langes Nebeneinander von alter und neuer RS) und gesellschaftliche Veränderungen der Schreib- und Medienkultur einbezogen würden.

 

Es stellen sich somit interessante Fragen, z. B. zum Einfluss des Umfeldes vs. der Rolle der neuen Schreibungen selbst, aber Antworten geben die Daten auf diese Fragen noch nicht.
Betrachtet man die immer noch karge empirische Grundlage insgesamt, so sind die Daten zu widersprüchlich, ihre möglichen Deutungen zu vielfältig (vgl. Marx 1999; 2004; Brügelmann 2003b; 2004m+n; Grund 2006; 2008), als dass man daraus klare Folgerungen für den „Erfolg“ der Rechtschreibreform ableiten könnte. Hinzu kommen die Schwierigkeiten, solche Längsschnittvergleiche methodisch angemessen zu interpretieren (vgl. Brügelmann 1999, 10 ff.; 2005, Kap. 42).
 

 

 

Literaturhinweise

 
Brügelmann, H. (Hrsg.) (1999): Was leisten unsere Schulen? Erhard-Friedrich-Verlag: Seelze.
 
Brügelmann, H. (2003b): Rechtschreibleistungen am Ende der Grundschulzeit: 1991-2001. NRW-Kids 2001 und der Schreibvergleich Bundesrepublik-DDR. In: Panagiotopoulou/ Brügelmann (2003, 173-178).
In: Panagiotopoulou, A./ Brügelmann H. (Hrsg.) (2003): Grundschulpädagogik meets Kindheitsforschung: Zum Wechselverhältnis von schulischem Lernen und außerschulischen Erfahrungen im Grundschulalter. Leske+Budrich: Opladen, 173-178.

 

Brügelmann, H. (2004m): Textmenge und Rechtschreibfehler in freien Texten (Klasse 4 bis 12). Eine Sekundärauswertung der Studie NRW-KIDS. Vervielf. Ms. FB 2 der Universität: Siegen.  www.agprim.uni-siegen.de/nrwkids [30.7.2008] 

 

Brügelmann, H. (2004n): Die Rechtschreibleistung in Kurztexten von SchülerInnen der achten Klasse in der internationalen IEA-Lesestudie 1991. Vervielf. Ms.  FB 2 der Universität: Siegen.  www.agprim.uni-siegen.de/iea [30.7.2008] 

 

Brügelmann, H. (2005): Schule verstehen und gestalten – Perspektiven der Forschung auf Probleme von Erziehung und Unterricht. Libelle: CH-Lengwil (fortlaufend aktualisiert unter: www.agprim.uni-siegen.de/schuleverstehen  ).

 

Grund, U. (2006): Nahaufnahme: Rechtschreibleistungen in Abituraufsätzen.
http://forschungsgruppe.free.fr/grund.pdf [30.7.2008]

 

Grund, U. (2008): Vergleichende Studien zu Rechtschreibleistungen in Schülertexten vor und nach der Rechtschreibreform. Erste Ergebnisse und Desiderate der Forschung
http://www.sprachforschung.org/Pdf/Grund_Vortragstext_FDS.pdf [29.7.2008]

 

Marx, H (1999): Rechtschreibleistung vor und nach der Rechtschreibreform: Was ändert sich bei Grundschulkindern? In: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und pädagogische Psychologie, 31. Jg. H. 4, 180–189.

 

Marx, H. (2004): Rechtschreibung wurde erschwert. Interview in: Neue Osnabrücker Zeitung v. 21. 8. 2004
http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=86 [30.7.2008]

 

 



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| Autor: Jürgen Spaniol

Quelle: Prof. Dr. Brügelmann


 
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