Karim besucht die zwölfte Klasse des Immanuel-Kant-Gymnasiums in Dortmund und Vorlesungen an der Universität der Stadt. Er ist Schüler und Student zugleich. Während andere mit ihrer Band proben, Fußball spielen oder sich mit ihren Kumpels treffen, geht Karim Adiprasito an die Uni. Er studiert Mathe, im vierten Semester.
An der Universität Dortmund gibt es das Schülerstudium seit drei Jahren. «Das primäre Ziel war die Förderung begabter und lernbereiter Schüler», erklärt Irene Szymanski von der Universität Dortmund. Ein solcher Schüler ist Karim. Schon jetzt gehört er zu den besten Studenten seines Semesters.
Deutschlandweit bieten rund 40 Hochschulen das Schülerstudium an, heißt es bei der Deutschen Telekom Stiftung, die das Projekt unterstützt. Die Universitäten gehen allerdings unterschiedliche Wege. Während die TU Dresden und die Universität Frankfurt mit ihrem Angebot gezielt Hochbegabte ansprechen und maximal 30 Schüler pro Semester zulassen, öffnet sich die Uni Hannover allen interessierten Schülern, Auszubildenden, Wehrdienst- und Zivildienstleistenden.
Wir wollen ihnen die Möglichkeit bieten, schon vor dem regulären Studium die Uni kennen zu lernen und hoffen, dadurch die Abbruchquote zu verringern», sagt Dieter Lohse von der Universität Hannover.
Die Angebote eint, dass die im Schülerstudium erworbenen Scheine an der jeweiligen Universität später anerkannt werden. Zum Teil akzeptieren auch andere Hochschulen die Leistungsnachweise. Die Schüler müssen sich nicht auf ein Fach festlegen, sondern können in einem Semester beispielsweise Physik und im nächsten Mathematik studieren. «Ein Abbruch des Studiums ist jederzeit problemlos möglich, ohne negative Folgen für den Schüler», erläutert Szymanski. Denn häufig zeigten sich die tatsächlichen Belastungen erst während des Studiums.
Die unterschiedliche Zielrichtung spiegelt sich in der Ausgestaltung des Schülerstudiums wieder. Die Uni Hannover legt die meisten Seminare für Juniorstudenten in den späten Nachmittag, damit weder Lehre noch Unterricht betroffen sind, erläutert Lohse. An der Uni Dortmund wiederum fallen viele Vorlesungen und Seminare auf den Vormittag - die Schüler müssen sich für diese Zeit vom Unterricht befreien lassen.
Das Schülerstudium richtet sich in erster Linie an Schüler der Oberstufe. «Die meisten fangen in der zwölften Klasse damit an», sagt Lohse. Im Ausnahmefall können sich jedoch auch Schüler der Sekundarstufe bewerben. Angeboten werden vor allem Seminare in naturwissenschaftlichen Fächern.
Den Kontakt zwischen Schüler und Universität vermitteln in der Regel die Schulen. Auch sie verfahren unterschiedlich. «An manchen Schulen sprechen die Lehrer gute Schüler gezielt an», sagt Christoph Dahlbüdding vom Immanuel-Kant-Gymnasium in Dortmund. «Wir veröffentlichen die Seminare am Schwarzen Brett. Interessierte Schüler kommen dann auf mich zu.» Ob jemand am Schülerstudium teilnehmen darf, hänge weniger von den Noten ab, sondern eher von der Belastbarkeit der Schüler.
Die Schüler bewerben sich anschließend bei der Hochschule. «In dem Schreiben muss unter anderem stehen, warum sie bei uns anfangen wollen», erzählt Lohse. Manche Hochschulen forderten zudem ein Gutachten der Lehrer. An der Universität Mainz wiederum muss die Schulleitung ein positives Votum für das Schülerstudium abgeben.
Die Seminare in Hannover umfassen drei bis zwölf Stunden in der Woche, sagt Lohse. Fallen Vorlesungen in die Unterrichtszeit, wird mit dem Fachlehrer besprochen, wie der Stoff nachgeholt werden kann. «Die Schüler sind verpflichtet, ihn selbstständig nachzuarbeiten», erläutert Dahlbüdding. Als Ersatz für den Unterricht müssten sie beispielsweise Referate halten oder zusätzliche Hausaufgaben erledigen. Die Schule prüfe, ob sich die Schulleistungen durch das Schülerstudium verschlechtern. «Bisher war das nicht der Fall. Es gab aber schon Schüler, die sagten, dass es ihnen zu viel wird. Sie brachen das Schülerstudium dann ab.»
Aus Sicht der Organisatoren ist das kein Problem. «Es geht nicht darum, das komplette Grundstudium zu machen. Die Schüler sollen den Unialltag kennen lernen», sagt Dahlbüdding. Karim findet, ein Schülerstudium eigne sich gut, um ein Fach auszuprobieren: «Man kriegt fachlich einen guten Einblick», sagt er. Vom Studentenleben habe er allerdings wenig mitbekommen. «Dafür ist man nicht lange genug da.»
http://www.rp-online.de/public/article/aktuelles/beruf/special_stu dieren/397921


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