Seit 2001 hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter dem Titel „Körper, Liebe, Doktorspiele“ einen Ratgeber für Eltern zur kindlichen Sexualentwicklung vertrieben. Vor einigen Wochen hat nun die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, aufgeschreckt von kritischen Hinweisen, die Broschüren aus Zeiten rot-grüner Familienpolitik kurz entschlossen, wenn nicht überstürzt, aus dem Verkehr gezogen. Soll man sich mit der Zensur abfinden und der Ministerin ungefragt gute Gründe im Sinne des Allgemeinwohls unterstellen? Oder sollte nicht öffentlich erörtert werden, was an den hunderttausendfach vertriebenen Ratgebern möglicherweise so unerträglich ist, dass er Eltern nicht zu fortschrittlicherer Sexualerziehung befähigt, sondern unter staatlicher Anleitung zum kinderfeindlichen Gegenteil verleitet? Was ist so graus an den Schriften, dass niemand wissen will, was die Ministerin zum überstürzten Handeln trieb? Die Gründe liegen in den Ratgebern selber. Dass sie aus großkoalitionären Überlegungen wie Ballast schnell über Bord gehen mussten, vermag an der Notwendigkeit einer öffentlichen Debatte nichts zu ändern.
Überhaupt mag mancher sich fragen, wozu noch Ratgeber zur Sexualerziehung, wenn „Desperate Housewives“, „Sex and the City“ und „Big Brother“ mit vielerlei Sexualakten mit den Kindern gemeinsam am TV beigewohnt wird? Die geschlechterpolitischen Designer innerhalb der rot-grünen Koalition meinten vor gut acht Jahren, dass da noch etwas Zukunftsweisendes fehle. Das solle die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über ihr Verteilernetz an vereinzelt arbeitende Sexualpädagogen, Beratungsinstitutionen, Lehrer und vor allem Eltern liefern.
Als Offenbarung wurde beigesteuert, dass Offenheit und wohlgesetzte Antworten auf neugierige Fragen von Kindern, die Sexuelles berühren, heute nicht mehr ausreichen. Stattdessen gehe es um das Recht der Kinder, anzusehen und anzufassen, was sie interessiert. In den Ratgebern ist das nicht so leicht aufzufinden, weil beim Verfassen des Textes ein Versteckspiel betrieben wurde, das Forderungen und deren Konsequenzen im Text verstreut platziert. Gehofft wird auf die unbewusste Verknüpfung von verstreuten Einzelteilen durch den Leser selber. Dadurch werden die Texte weniger angreifbar und der Leser merkt nur allmählich, wie ihm geschieht. Erst die Durchforstung des kodierten Dickichts lässt die Wurzeln der genderpolitischen Absichten erkennen.
Die eine soll Vater und Mutter verpflichten, ihren Kindern alles zu
zeigen und sie alles befühlen zu lassen, was sie an deren Körper interessiert.
Manchen mag das an die Spekulumerkundungen der Frauenbewegung in den
70er-Jahren erinnern. Allerdings handelte es sich damals um erwachsene Frauen
aus ein und derselben Generation. Jetzt geht es um die aufeinanderfolgenden
Generationen von Eltern und Kindern. Erkundeten sich damals Frauen
untereinander, so sollen heute die Kinder die Eltern erkunden, die zu diesem
Zweck ihre Sexualorgane den Kindern öffnen sollen. Anfassen sei
sexualerzieherisch wertvoller als Reden!
Die andere Wurzel im Dickicht der Ratgeber entspringt einer politischen
Tendenz. Gender-Mainstreaming wird sie genannt, und keiner weiß so recht, was
das eigentlich ist. So sollen nicht nur ökonomische Differenzen zwischen
Männern und Frauen geglättet, sondern ebenso die Unterschiede zwischen
Männlichem und Weiblichen planiert werden. Das ist brisant, weil die Absicht
dem Zorn entspringt, dass es überhaupt Unterschiede zwischen Männern und Frauen
gibt. Dagegen wird die Illusion ins Leben gerufen, dass gutes Leben zwischen
den Geschlechtern erst beginne, wenn solcherlei Unterschiede abgeschafft seien.
Eine rabiate Kampfansage an jede individualisierte Lebensführung und privat
verfasste Lebenskultur.
Weil die Ratgeber die reizvollen und Spannungen erzeugenden Unterschiede
zwischen Männlichem und Weiblichem schleifen sollen, wird in einem ersten
Schritt das Sexuelle banalisiert. Beispielhaft heißt es, dass Eltern ihren
Kindern das Lesen beibringen, ebenso den Unterschied zwischen roten und grünen
Ampeln und unendlich viel mehr. Warum aber, so wird gefragt, machen sie eine
Ausnahme bei der Sexualität? Nun – weil Sexualität weder eine Verkehrsampel,
noch eine Leseübung, noch vieles andere mehr ist. Und hier verkehrt sich die
ratgeberische Unterweisung an die Eltern in eine offene Drohgebärde. Wenn sie
sich der Gleichsetzung von Äpfeln und Birnen widersetzten, dann würden ihre
Kinder erst richtig sexbesessen werden, was Eltern angeblich am meisten
fürchten. Früher haben Eltern ihren Kindern durchaus Beunruhigendes über
Sexualität angedeutet. Heute schüchtern regierungsamtliche Ratgeber die Eltern
ein, um Kindern vermeintlich Gutes zu tun. Denn belohnend wird den Eltern
geweissagt, dass ihre Kinder am Sex geringeres Interesse entwickeln, wenn sie
ihnen ihren Körper zum Betasten und Beschauen zugänglich machen.
Aber weder Psychotherapie noch Psychiatrie können solche Weissagungen
bestätigen. Dass der Zugang zu den Sexualorganen der Erwachsenen die Kinder
verstört oder traumatisiert, das hingegen zeigt die Psychotherapie von
Missbrauchten. Es hat kulturell bewährte Gründe, wenn Eltern es beim Reden
bewenden lassen und inzestartiges Handeln vermeiden!
Es liegt nahe, dass Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern im
Gender-Mainstreaming nicht gerne gesehen werden. So wird Ehefrauen in den
Broschüren empfohlen, wenn der Sohn um das vierte Lebensjahr herum mit seinem
Vater um die Mutter rivalisiert, ihre Liebe zwischen beiden gerecht aufteilen
soll. Denn keiner soll benachteiligt werden. Seit wann aber teilen Ehefrau und
Ehemann oder Partner und Partnerin ihre Liebe zueinander mit ihren Kindern? Das
Gender-Mainstreaming trübt den Blick dafür, dass zwischen der zärtlichen Liebe
von Eltern zu ihren Kindern und der erotisch-sexuellen Liebe zwischen Mann und
Frau ein grundsätzlicher Unterschied besteht. Die Liebe zu den Kindern ist nur
zärtlich. Ist sie es nicht, dann ist sie missbräuchlich. Kinder haben deshalb
auch nicht, wie die Ratgeber meinen, die gleichen Bedürfnisse nach Wärme und
Geborgenheit mit der geliebten Person wie Erwachsene. Ihre Liebe ist eine
kindlich zärtliche Liebe zu den Erwachsenen.
Weitere Unterschiede zwischen den Generationen schleifend, heißt es,
dass ein Kind durchaus in den geräuschvoll verlaufenden Sex seiner Eltern
einmal hineingeraten kann. Dann sollen sie es einfach zu sich ins Bett nehmen
und ihm sagen, das sei wie beim kindlichen Spiel, bei dem ginge es ja mitunter
auch ganz schön laut her. Die zweite Wurzel des Gender-Mainstreaming springt
abermals ins Auge. Es soll zwischen Erwachsenen und Kindern keinen Unterschied
geben, denn das wäre ungerecht gegen die Kinder, weil die sich ausgeschlossen
fühlen. Deshalb darf die elterliche Leidenschaft nichts anderes sein als das
wilde Schreien von Kindern beim Spiel und es darf weder gesagt noch durch
elterliches Verhalten erfahrbar werden, dass die Laute der Leidenschaft zur
Generation der Eltern gehören und dass die Kinder davon grundsätzlich
ausgeschlossen sind. Das Familienministerium wollte mit seinem Ratgeber das
Gegenteil erreichen. Eltern wurden ermutigt, die Ausschließung der Kinder zu
beseitigen. Emotional sollten sie sich aber darauf vorbereiten, dass da keine
elterliche Körperregion vor intensivster Erkundung sicher sei!
Der Ideologie des Gender-Mainstreaming sind die Grenzen zwischen den
Generationen, die Kultur überhaupt erst ermöglichen, grundverdächtig.
Verzichtreiche Selbstbeschränkung und naturhafte Ungleichheit ist ihr zuwider.
Denn genetische, hormonelle oder biologische Unterschiede zwischen den
Geschlechtern zerstören ihre Illusion von Gleichheit. Die Vorstellung, dass man
sich mit Unterschieden abfinden muss, kränkt ihre Anhänger zutiefst. Zumal die
verpönte Macht des Schicksals aufscheint, gegen die kein Kraut gewachsen ist
und an der alle Größenfantasien letztlich zerschellen.
Deshalb herrscht unter ihren Anhängern eine aggressive Gereiztheit
besonders über die Unterschiede der Genitalanatomie. Schweden, das große
Vorbild der Gender-Mainstreamer, will das in den Griff bekommen, indem Jungen
sich gar nicht erst das Pinkeln im Stehen angewöhnen dürfen. Als ob das
Fantasien von besonderer Machtausstattungen der Jungen unter Mädchen dämpfen
würde, wenn denen der lenkbare Strahl aus der Hand genommen wird, über den sie
selber nicht verfügen. Nach den Ratgebern des Familienministeriums gelten
letztlich nur solche Eltern als aufgeklärt, die die Neugier ihrer Kinder für
die elterlichen Genitale wecken und sie zur taktilen Erkundung erfolgreich
ermutigen. Väter sollen dem Sohn die Schönheiten ihres Genitals zeigen und ihn
daran seinen Stolz gewinnen und Ängste beschwichtigen lassen – so wie die
Mutter die Tochter stolz auf ihre Genitalanatomie durch Zeigen und Befühlen
macht. Und wenn die Tochter neugierig auf das väterliche Genital ist, dann darf
der Vater sich nicht zieren, so wenig wie die Mutter sich dem neugierigen Sohn
verweigern darf. Und als Selbstverständlichkeit wird hinzugefügt, dass Eltern
sich dabei sexuell erregen.
Ist es nicht äußerst verwunderlich, dass trotz ständiger Debatten über
sexuellen Missbrauch weder Wissenschaftler, Kinderschutzbund, Häuser für
geschlagene Frauen, Eltern, Berufsverbände und Kirchen dagegen Sturm gelaufen
sind? Wie auch immer – das Familienministerium hat über mehrere Jahre
Empfehlungen für missbräuchliche Beziehungen als Elternbildung ausgegeben – und
vertreiben lassen. Als Teil rot-grüner Genderpolitik haben sozialdemokratische
Familienministerinnen ermöglicht, was Frau von der Leyen bis vor Kurzem noch
verteilen ließ.
Obwohl das erschreckend genug ist, kommt hinzu, dass die Ratgeber
Argumente übernehmen, die von Personen mit schweren Charakterstörungen zu hören
sind, wenn ihnen die Schädlichkeit ihres Verhaltens vor Gericht vorgehalten
wird. Nach deren schwer gestörter Innenwelt wünschen sich Kinder diese
Genitalerkundungen. Eine solche Verkennung ist typisch für Charaktergestörte,
die in Psychiatrie und psychologischer Diagnostik als Pädophile eingeordnet
werden. Das ist so wenig neu wie das berüchtigte Plädoyer jenes
Sozialwissenschaftlers, der 1994 versuchte, Pädophile gesellschaftsfähig zu
machen. Dazu hat er deren vermeintliche Vorzüge für die sexuelle Entwicklung
der Kinder gepriesen. Letztlich empfahl er sie als die einfühlsamen
Sexualaufklärer der Jugend. Sie seien immer dann gefragt, wenn Eltern der
sexuellen Neugierde ihrer Kinder nicht gewachsen seien und ihnen den Zugang zu
ihren Genitalen verwehrten.
Vielleicht war es diese Wende im Namen des fürsorglichen
Wohlfahrtsstaates, die es auf die Beseitigung von Elterlichkeit abgesehen hat,
die die Bundesministerin zum Eingreifen veranlasste.
Und dass weiterhin ihr Erziehungsanleitungen – übrigens von einer Frau
verfasst – jener pädophilen Propaganda sich maßgeschneidert anpasst, die
sexuellen Missbrauch als Segnung für Kinder, als Grundlage der Kultur, des
Glücks und der Beziehungsfähigkeit beschreibt. Aber, ein erziehungspolitischer
Skandal lässt sich nicht dadurch aufklären, dass Datenträger eingezogen werden.
Aufklärung könnte erst beginnen, wenn die genderpolitischen Ideologien
innerhalb des Familienministeriums beseitigt würden, die Empfehlung zu
gewalttätiger Sexualerziehung mit Sexualaufklärung verwechseln. Ebenso müssten
mehr als 600000 Leser, gewissermaßen in einer Rückrufaktion, darüber informiert
werden, dass der Ratgeber Aufforderungen zu sexuellen Handlungen zwischen
Kindern und Eltern enthält, die nicht befolgt werden dürfen, weil sie die
Kinder beschädigen und deren Beziehung zu ihren Eltern wie zur Familie
zerstören.
Quelle:
Prof. Dr. Gerhard Amendt
Institut für Geschlechter und
Generationenforschung
Universität Bremen


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