Auf dieser Basis kritisierte GEW-Landesvorsitzender Andreas Meyer-Lauber massiv das Vorgehen der Schulministerin: "Mit Zahlentricks versucht Frau Sommer, die Leistungen der 210 Gesamtschulen in NRW abzuwerten." Nachdem die Abiturienten an Gesamtschulen beim ersten Zentralabitur im letzten Jahr ähnlich gut abgeschnitten hätten wie die an den Gymnasien, greife man in diesem Jahr zu Beginn der Prüfungsphase zu höchst fragwürdigen Mitteln der Datenauswertung.
"Beispielsweise werden die Schülerzahlen des Jahrgangs 11 im Jahr 2004 mit den Zahlen der Abiturienten im Jahr 2007 verglichen. Die Differenz wird diffamierend als "Abbrecherquote" dargestellt", wirft Meyer-Lauber der Schulministerin vor. Dabei bleibe unberücksichtigt, wie viele Schülerinnen und Schüler mit der Fachhochschulreife entlassen worden seien und wie viele Schülerinnen und Schüler vielleicht noch ein Jahr mehr "im System" benötigten, um schulische Defizite auszugleichen. "Dass an den Gesamtschulen der Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund weit höher ist als an den Gymnasien, sei nur am Rande erwähnt", ergänzt Meyer-Lauber.
An die Adresse des Schulministeriums gerichtet erklärte der GEW-Vorsitzende abschließend: "Ohne die Gesamtschulen hätten im Jahr 2007 8.771 Schülerinnen und Schüler weniger die Allgemeine Hochschulreife erhalten. Die Ministerin soll jetzt alle Zahlen zum Thema Bildungserfolg und -misserfolg auf den Tisch legen."
Berthold Paschert
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
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"Das Gesamtschul-Abitur ist ein Garant für die Aufstiegsdurchlässigkeit"
Die NRW-Schulministerin Barbara Sommer stellt am 1.4.2008 eine Abbrecherquotevon 40,4% in den Oberstufen der hiesigen Gesamtschulen sowie von 19,3% in dengymnasialen Oberstufen der Öffentlichkeit vor (Fritsch, M.: Gesamtschul-Abitur aufdem Prüfstand. Ruhr-Nachrichten 1.4.2008). Diese Quoten sind falsch und bedürfeneiner Korrektur.
Zur Berechnung wurde die Anzahl der Abiturienten des Jahres 2006 auf die Anzahlder Elftklässer des Jahres 2004 bezogen. Die sich daraus ergebenen rechnerischenQuoten sind aber keinesfalls Abbrecherquoten. Einerseits verbieten sich solche Jahrgangsvergleiche ohnehin wegen der mangelnden Vergleichbarkeit der Kohorten. Seriöse Auswertungen müssten sich auf nicht vorhandene Individualdaten stützen. Aber dies ist eine Argumentation für statistische Fachleute.
Dass die hier vorgestellten Quoten dennoch nicht richtig sind, ist allerdings auch ohne statistische Fachkenntnisse deutlich zu machen. Die entsprechende Argumentation werde ich exemplarisch für die Gesamtschulen entfalten, sie ließe sich aber für die Gymnasien in gleicher Weise nachvollziehen:
Bei der Betrachtung von nur drei Jahrgängen bleibt außen vor, dass
Klassenwiederholer das Abitur noch gar nicht erreicht haben können. Tatsächlich verbleibt ein beachtlicher Teil des Elferjahrgangs 2004 an Gesamtschulen wegen einer Klassenwiederholung noch im System - dies sind bis zu gut 1.000 Schülerinnen und Schüler. Da sich diese jungen Menschen noch im System befinden, können sie in den nächsten Jahren durchaus noch die allgemeine Hochschulreife erwerben.
Unter Beachtung dieser Gruppe würde die vorgebliche Abbrecherquote bereits um etwa 7 Prozentpunkte sinken. Es ist durchaus möglich, dass diese Gruppe tatsächlich nicht zum Abitur kommt, aber das ist mit den vorliegenden Daten nicht berechenbar.
Zudem hat ein beträchtlicher Anteil (knapp 1.800 Schülerinnen und Schüler) der hier betrachteten Gruppe die Oberstufe mit der Fachhochschulreife abgeschlossen. Dies sind keineswegs Abbrecher, sondern erfolgreiche Absolventen. Es ist erstens legitim, zweitens gewollt und drittens im Sinne individueller Bildungslaufbahnen konstruktiv, dass junge Menschen die Oberstufe mit dem Fachabitur abschließen. Dadurch sinkt die vorgebliche Abbrecherquote um weitere etwa 12 Prozentpunkte.
Durch die Berücksichtigung der im System befindlichen Klassenwiederholer wie der Absolventen mit Fachhochschulreife würde sich die vorgebliche Abbrecherquote an den Gesamtschulen um etwa die Hälfte reduzieren.
Folgt man ungeachtet dieser Fehlberechnungen der Interpretation des Schulministeriums, das Gesamtschulabitur für überflüssig zu halten, muss zudem bedacht werden, dass von 3 Hauptschulaufsteigern in die gymnasiale Oberstufe im Schuljahr 2004 zwei Drittel in Gesamtschuloberstufen und nur ein Drittel am Gymnasium gelernt haben. Auch ausländische Schüler sind in den Gesamtschuloberstufen in einem weitaus größeren Maße (14%) als an denen des Gymnasiums (5%) anzutreffen.
Damit wird deutlich, dass gerade die Gesamtschuloberstufen ein Garant für die Durchlässigkeit nach oben sind und zwar insbesondere für Bildungsaufsteiger und Schüler mit Migrationshintergrund. Die Bildungspolitik sollte möglichst viele Wege für junge Menschen bereithalten, zu hohen Schulabschlüssen zu gelangen. Dazu leisten die Oberstufen beider hier genannten Schulformen durch die Vergabe von fachgebundenen wie allgemeinen Hochschulreifen einen Beitrag. Und das mit erheblich niedrigeren Abbrecherquoten als von der Seite des Schulministeriums behauptet wird.
Prof. Dr. Gabriele Bellenberg, Ruhr-Universität Bochum, Institut für Pädagogik, 3.4.2008


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