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Bei der Privatisierung der Bildung ist kein Ende in Sicht

Die Erziehungswissenschaftlerin Professor Ingrid Lohmann an der Universität Hamburg über die Kommerzialisierung der Schulen - Warum herrscht solche Aufregung, Kurzatmigkeit und Widersprüchlichkeit im deutschen Bildungssystem und in der Berichterstattung darüber?




Hier kommen verschiedene Probleme zusammen. Erstens haben die PISA-Studien gezeigt, dass das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich nicht so gut abschneidet. Der soziokulturelle Hintergrund bestimmt die Schullaufbahn zu stark. Kinder aus Arbeiter- und Angestelltenhaushalten haben schlechtere Chancen. Darauf muss man reagieren. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass PISA eine Initiative der OECD, also eines mächtigen internationalen Wirtschaftsverbandes, ist.

 

Zweitens will man die Mehrgliedrigkeit des Schulsystems erhalten. Auch eine Zweigliedrigkeit, eine Aufteilung in Gymnasien einerseits und eine Zusammenführung der Haupt- und Realschulen andererseits, ändert daran nichts. Die Vorab-Selektion bleibt bestehen.

 

Drittens wird der öffentliche Sektor im Bildungswesen abgeschafft, das heißt das Privatschulwesen wird verstärkt. In Deutschland jedoch noch häufiger und auffälliger ist die „neue Steuerung“ an den Schulen. Das bedeutet die Verbetriebswirtschaftlichung unserer Bildungseinrichtungen durch die freiwillige oder erzwungene Einführung des Managementmodells. Unter demokratisch anheimelnden Formeln – „autonome Schule“, „lernende Institution“ oder „Eigenverantwortlichkeit“ – wird so die Privatisierung der Schulen vorbereitet.

 

Von dieser Privatisierung des Bildungswesens ist immer wieder die Rede. Wie macht sie sich denn konkret bemerkbar?

 

Privatschule und kommerzielle Anbieter werden mittlerweile massiv begünstigt. Sie werden im Vergleich zu früher stärker subventioniert, weil man der Philosophie folgt, dass Privatisierung die bessere Lösung ist. Die öffentlichen Schulen müssen mit einem knapp bemessenen, festgelegten Budget auskommen. Wenn sie mehr Geld brauchen, sind sie gezwungen, Spenden einzutreiben oder private Sponsoren zu finden. So gewinnen Firmen oder andere Organisationen Einfluss auf die Schulen. Zunehmend stellen etwa Firmen Unterrichtsmaterial. Werbung wird so selbstverständlicher Bestandteil des Schulalltags. Es gibt außerdem auch langfristige, vertraglich geregelte Zusammenschlüsse zwischen Schulen und Industrie, sogenannte Private Public Partnerships.

 

Dann werden aus Lehrern Manager?

 

Evaluationsinstrumente, wie beispielsweise SEIS (Selbstevaluation in Schulen) von der Bertelsmann-Stiftung entwickelt und promotet, tragen dazu bei, dass Schulen wie Wirtschaftsunternehmen geführt werden. Die Konkurrenz unter den Schulen wird so insgesamt gefördert. Die Schulen müssen sich der Wirtschaftslogik entsprechend Profile geben und gegeneinander abgrenzen. Die Stellung des Rektors hat sich als Folge davon verändert. Er ist jetzt Manager. Die Entscheidungsmacht liegt bei ihm und die kollegiale Selbstverwaltung wird abgebaut. Es gibt bereits Hilferufe von Rektoren, die völlig überlastet sind. Die zunehmende Ökonomisierung des Bildungssystems bedeutet auch, dass eine Art Profit aus Kindergärten, Schulen und Universitäten erwirtschaftet werden muss durch Einwerbung von Sponsoren oder Werbeverträgen.

 

Wie konnte es zu dieser Entwicklung kommen?

 

Schulen und auch Hochschulen wurden jahrzehntelang strategisch gezielt unterfinanziert, deshalb erscheinen diese Privatisierungsmaßnahmen jetzt so plausibel. Es wäre viel besser für Schüler, Eltern und Lehrer, wenn man einfach überall gut ausgestattete öffentliche Schulen hätte. Übrigens ist von der Privatisierung der gesamte öffentliche Sektor betroffen, etwa das Gesundheitswesen, die Bahn, die Post und die Wasserversorgung.

 

Wer treibt diese Privatisierung in der Bildung voran? Wer sind die Akteure?

 

In Deutschland steht an erster Stelle die Bertelsmann-Stiftung, die Mehrheitseigentümerin der Bertelsmann AG ist, aber natürlich auch andere große Konzerne und Arbeitgeberverbände. International ist es die OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development), eine internationale Organisation der Wirtschaft mit Sitz in Paris und die WTO (World Trade Organization), die sich mit der Regelung von Handels- und Wirtschaftsbeziehungen beschäftigt und ihren Sitz in Genf hat. In der Dritten Welt treiben IWF (Internationaler Währungsfond), eine Schwesterorganisation der Weltbank-Gruppe in Washington D.C., und die Weltbank die Privatisierung von Bildung und anderen öffentlichen Bereichen voran.

 

Was hat die Bertelsmann-Stiftung im deutschen Bildungsbereich bisher erreicht und welche Ziele strebt sie in Zukunft an?

 

Sie hat sich für die Einführung der „neuen Steuerung“, also für das sogenannte Qualitätsmanagement, an Schulen stark gemacht. Sie steuert durch viele einzelne Projekte und medienwirksame Kampagnen, die man ihr manchmal nicht eindeutig zuordnen kann, was wohl auch so gewollt ist. Diese Initiativen treten ähnlich wie Bürgerinitiativen selbstständig auf, sind aber eigentlich manipuliert. Dazu kommt eine massive Beeinflussung der Hochschulpolitik: die Einführung der Bachelor- und Master-Studienabschlüsse und der Studiengebühren sowie eine veränderte Organisation der Leitung der Hochschulen. Die Modularisierung des Wissens, das in den Studiengängen vermittelt wird, bietet zudem beispielsweise durch die dafür notwendige Digitalisierung neue Geschäftsfelder für Bertelsmann.

 

Wie steht es mit der oft angeführten internationalen Vergleichbarkeit der Lehrinhalte?

 

Die Vergleichbarkeit der Inhalte, die man mit dem Argument anstrebt, den Studierenden Mobilität zwischen den Hochschulen, auch ins Ausland, zu ermöglichen, erzeugt gleichzeitig eine Kontrolle der Inhalte. Hier besteht dann Anpassungsdruck sowie die große Gefahr der Gleichschaltung von Inhalten. Unter dem steuerlich privilegierten Deckmantel der Gemeinnützigkeit bereitet die Bertelsmann-Stiftung von Deutschland aus die Ausdehnung der Konzerngeschäftsfelder auf das europäische Bildungs- und Wissenschaftssystem vor. Ich sehe gegenwärtig kein Ende der Privatisierungswelle. Mittlerweile erhalten Studierende ihre Stipendien zum Teil sogar direkt von Firmen, an die sie daraufhin ihre künftige Arbeitskraft verkaufen müssen. Mir kommt es langsam so vor, als strebe man hier die Macht über die Welt an. Und sicher bedeutet es eine Entdemokratisierung. Mittlerweile wird glücklicherweise hinterfragt, ob die Gemeinnützigkeit der 1977 gegründeten Bertelsmann-Stiftung wirklich gegeben ist. Die Stiftung finanziert sich aus Gewinnen und Steuererlassen und verfügte 2005 über ein Jahresbudget von 56,7 Millionen Euro. In der Bertelsmann-Denkfabrik arbeiten etwa 280 Angestellte an Reformvorlagen und Modellprojekten, unter anderem zu bildungspolitischen Themen.

 

Wie wurde die Privatisierung des Bildungswesens möglich gemacht?

 

Bildungsdienstleistungen sind seit 1995 handelbare Ware. Das wurde durch das Allgemeine Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen, kurz GATS (General Agreement on Trade in Services) innerhalb der WTO, der 153 Mitgliedsländer angehören, beschlossen. Das heißt, man kann zum Beispiel einen Bildungskonzern gründen, der das Management in Schulen kommerziell übernimmt. In dem Moment, wo Bildung nicht mehr als staatliche Hoheitsaufgabe verstanden wird, müssen dann auch private nationale oder internationale Anbieter zugelassen werden. So weit ist die Situation zwar noch nicht ganz, aber die Entwicklung geht stark in diese Richtung. Deshalb soll der Staat als Träger von Kindergärten, Schulen und Hochschulen auch seine Bildungsbudgets offenlegen, damit private Anbieter dann sagen können: Das bieten wir billiger und besser an. Dann können sie die entsprechenden Steuermittel einfordern, und auf diese Weise wird die Kommerzialisierung dann staatlich subventioniert. 2004 lag die Summe der privaten und staatlichen Bildungsausgaben weltweit bei geschätzten 2 000 Milliarden US-Dollars. Um diese Mittel geht es. Die Frage nach der Regierungsweise des Bildungssystem ist gleichbedeutend mit der Frage danach, wer über diese Summen verfügt.“

 

Hat diese Verbetriebswirtschaftlichung nur Nachteile? Können hier nicht innovative Programme viel besser durchgeführt werden als im angeblich so schwerfälligen Staatsbetrieb?

 

Schüler, Lehrer, Studierende und Professoren werden durch diese Ausrichtung des Bildungswesens entfremdenden und krankmachenden Zwängen unterworfen. Man wird genötigt, sein Hauptaugenmerk auf äußerliche Merkmale zu legen, die mit dem Inhalt des Lehrens und Lernens nichts zu tun haben, auch nicht mit der Motivation und dem Interesse an einem Wissensgebiet. Im Unterricht findet dann etwa nur noch „Lernen für den Test“ statt. Man kann sich nicht mehr in Ruhe in ein Thema der eigenen Wahl vertiefen. Wissen verengt sich für Schüler und Lehrer auf Abfragbarkeit. Wenn jeder Handschlag unter finanziellen Verwertungsgesichtspunkten gesehen wird, dann macht man nur noch das, was sich in barer Münze auszahlt.

 

Seit wann wird diese Privatisierung des Bildungswesens vorbereitet?

 

Sie hat einen langen Vorlauf und die Akteure haben einen langen Atem. Innerhalb der Wirtschaftswissenschaften gab es bereits in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts erste Ansätze. Nach dem Zweiten Weltkrieg forderte zum Beispiel Milton Friedman, ein sehr einflussreicher US-amerikanischer Ökonom, schon eine Privatisierung der öffentlichen Schulen.

 

Wie gehen die betroffenen Eltern mit dieser Situation um?

 

Hier sind sozialpsychologische Effekte wirksam, welche die Eltern maßlos unter Druck setzen. Angst vor Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit und Verarmung ist vorherrschend. Und so macht sich ein regelrechter Förderwahn bemerkbar. Eltern haben Angst davor, dass ihre Kinder eines Tages unter der Brücke schlafen müssen. Bildung, so hoffen die verzweifelten Eltern, soll das gesellschaftliche Abrutschen verhindern. Die Schülerzahl an den deutschen Privatschulen steigt deshalb an. Aber auch am Gymnasium – man denke nur an G8 – wird auf Kinder und Jugendliche jetzt ein enormer Leistungsdruck ausgeübt. In dieser bewusst erzeugten Paniksituation gelingt es kaum, Eltern, Schülern und Lehrern klarzumachen, dass ein finanziell gut ausgestattetes öffentliches Schulsystem für alle Beteiligten anstrebens- und erhaltenswert ist. Eine Schule für alle – das ist ein demokratisches Zukunftskonzept. Die Bildungsgerechtigkeit lässt sich in wirklich gut ausgestatteten und konzipierten öffentlichen Schulen eher erreichen als in einem privatisierten Schulsystem, das letztlich die Minorität bevorzugt, die sich teure Schulen leisten kann.

 

Quelle: Die Tagespost


 
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