Auf der Veranstaltung, die in dieser länderübergreifenden Form zu diesem Thema erstmalig in der Bundesrepublik stattfand, beteiligten sich rund 100 Vertreter von Eltern-, Schüler- und Lehrerorganisationen sowie Hochschulen, Ministerien, Wirtschaftsverbänden, Arbeitsmarkt-instituten, Parlamenten sowie der Bundeswehr und des Bundesamtes für den Zivildienst. Im Mittelpunkt der Tagung stand die Tatsache, dass durch die doppelten Abiturientenjahrgänge zwischen 2007 und 2020 zusätzlich rund 180 000 Abiturienten an die Hochschulen und auf den Arbeitsmarkt gelangen werden.
In seiner Einführung hob der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, das Ziel der Tagung hervor, im gemeinsamen Meinungs- und Konzeptaustausch aller Betroffenen diese Herausforderung positiv zu begleiten, notwendigen Handlungsbedarf festzustellen und neue Konzepte zu entwickeln. Er machte auch deutlich, dass die Thematik nicht nur Abiturienten und Studenten betreffe, sondern durch einen etwaigen Verdrängungswettbewerb auf dem Arbeitsmarkt auch Berufsschul-, Realschul- und Hauptschulabsolventen.
Wolfgang Kuert, der Sprecher des bundesweit tätigen Elternforums Bildung, auf dessen Initiative die Tagung zurückgeht, wies in seinem Grußwort auf folgende Tatsachen hin: „Es ist bekannt, dass ein großer Teil der Abiturienten zum Studium das eigene Bundesland verlässt. Die doppelten Abiturientenjahrgänge werden also bereits ab 2011 eine bundesweite Herausforderung sein. Der erhöhte Bedarf an Studienplätzen besteht nicht nur für ein Jahr, sondern für die gesamte Studiendauer. Gleiches gilt für den Wohnraumbedarf. Am Ende des Studiums wird dann die doppelte Zahl von Abgängern auf den Arbeitsmarkt drängen.“
Prof. Jan-Hendrik Olbertz, der Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt, dessen Bundesland in diesem Sommer bundesweit den ersten doppelten Abiturientenjahrgang bewältigen musste, plädierte nachdrücklich für eine konstruktive Haltung und gegen Abwehrreflexe. Sein Land habe diese Herausforderung erstaunlich geräuschlos und unspektakulär gemeistert, zumal im Gegensatz zu den bevölkerungsreichen Bundesländern der Mehraufwand an Studien- und Ausbildungsplätzen sich überschaubar dargestellt habe. Er betonte: „Trotz aller anstehenden Probleme sollten wir den Schülern der entsprechenden Abiturjahrgänge Mut zum Studium machen, anstatt Ängste vor Studien- und Arbeitsplatzmangel zu schüren.“
Aus der Perspektive eines für den Hochschulausbau zuständigen Ministeriums beleuchtete der Amtschef des Baden-Württembergischen Wissenschaftsministeriums, Ministerialdirektor Julian Würtenberger, die geplanten politischen Maßnahmen. Bis 2012 sei allein in Baden-Württemberg eine Erhöhung der Studienanfängerzahlen um 20 % auf jährlich über 60.000 Studenten zu erwarten, im Jahr des Doppelabiturs sind es dann mehr als 86.000. „Diesem Anstieg wird durch das 300 Millionen-Ausbauprogramm `Hochschule 2012` Rechnung getragen. Sowohl Landesregierung als auch die Universitäten müssen im Rahmen dieses Programms ihren Beitrag leisten!“, sagte Würtenberger.
In drei Workshops diskutierten die Tagungsteilnehmer Herausforderungen und Lösungsansätze in den Bereichen Schule, Hochschule und Wissenschaft.
Für den Schulbereich stellte im Workshop 1 der Leiter der Gymnasialabteilung im Bayerischen Kultusministerium, Leitender Ministerialrat Walter Gremm, die geplanten Maßnahmen der bayerischen Staatsregierung vor, vom beschlossenen milliardenschweren Ausbauprogramm für die bayerischen Hochschulen bis hin zu den organisatorischen Maßnahmen der zeitlichen Entzerrung der beiden Abiturientenjahrgänge 2011 und der Möglichkeit eines Beginns des Studiums bereits zum Sommersemester.
Im Workshop 2 plädierte Dr. Christian Berthold von CHE Consult (Centrum für Hochschul-entwicklung) in seinem Impulsreferat für ein Bündel von Handlungsoptionen: „Den Studierenden müssen größere Anreize zur Mobilität geboten werden, so dass sie auch ein Studium in anderen Bundesländern oder im Ausland in Erwägung ziehen. Hier könnten auch Werbekampagnen der Universitäten in den ostdeutschen Bundesländern helfen!“
Dr. Ulrich Walwei, Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Nürnberg, machte mit eindringlichem Zahlenmaterial auf die positiven Chancen für die deutsche Wirtschaft aufmerksam, welche die doppelten Abiturientenjahrgänge böten. „Diese Entwicklung bietet eine Riesenchance für die deutsche Wirtschaft. Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland wird in den nächsten Jahren aus demographischen Gründen rapide abnehmen. Deshalb ist eine zusätzliche Anzahl von qualifizierten Schulabgängern, die den Hochschulen sowie dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen werden, ein willkommener Ausgleich, der insbesondere den Fachkräftebedarf im naturwissenschaftlichen Sektor positiv bedienen könnte“, sagte Walwei.
In ihrem Schlussresümee zeigten sich die Veranstalter zufrieden mit dem Verlauf der Tagung. Wolfgang Kuert vom Elternforum Bildung betonte, dass das Konzept, eine gemeinsam von Lehrer- und Elternverbänden getragene Fachtagung zu einem wichtigen Sachthema durchzuführen, bundesweiten Modellcharakter habe.
Ingrid Ritt
Landesvorsitzende Landeselternverband
Bayerischer Realschulen e.V.
AG
München VR 6035
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