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"Was willst Du denn einmal werden? - "Ich will Schausteller werden".

In den Grundschulen der Stadt Herford kommt es nicht selten vor, dass Kinder auf die Frage: "Was willst Du denn einmal werden?", unverzüglich antworten: "Ich will Schausteller werden." Oft sind es Schaustellerkinder, die diese Antwort geben, denn Herford ist eine Schaustellerstadt, eine Stadt, in der viele Schauerstellerfamilien ihre Stellplätze und ihre Winterquartiere haben.



Jennifer* ist im vierten Schuljahr und hat im Diktat sehr viele Fehler. Das bedeutet, dass sie die Note ungenügend bekommt. Jennifer* ist darüber sehr traurig und weint.

 

 

 

 

Das Schaustellerkind Jennifer* ist - legt man einen PISA-Test zugrunde - keine gute Schülerin. Auf der Kirmes oder auf dem Stellplatz gibt es wenig Ruhe zum Lernen, die Musik spielt laut am Autoscooter, wenn ihre Mama dort die Karten verkauft.

 

 

Manchmal muss Jennifer* schon einmal kurz bei der Warenannahme helfen. In den Wohnwagen ist es oft beengt und kalt und bei all den Problemen, die der Alltag in einem Schaustellerleben mit sich bringt, spielt das Einmaleins oft nur eine kleine Rolle.

 

Sie besucht regelmäßig die Schule aber gelegentlich ist sie wochenlang mit ihrer Familie in einer anderen Stadt, weil ihre Eltern dort auf einer Kirmes oder einem Weihnachtsmarkt arbeiten. Dann muss sie dort in die Schule gehen und ihr Unterricht ist nicht so stringent wie der Unterricht vieler anderer Kinder.

 

Jennifer* hat eine Stammschule. Über Jennifer* wird eine Reisetagebuch geführt, ein Europäisches Schultagebuch für Kinder von beruflich Reisenden. 

 

 

In diesem Tagebuch wird für Jennifer* dokumentiert, was im Unterricht, an dem sie teilgenommen hat, an den jeweiligen Schulen in den unterschiedlichen Städten, behandelt wurde. Für Jennifer* ist über ihre Stammschule hinaus ein Bereichslehrer zuständig, der sie gelegentlich auf der Kirmes besucht und der möglichst Kontakt zu ihrer Stammschule hält.

 

Jennifer* hat andere Kenntnisse als im Test VERA abgefragt wird. Wenn in der Klasse einmal umgeräumt werden muss, ist sie eine der schnellsten. Sie kann zupacken. Obwohl sie erst 10 Jahre alt ist, kennt sie schon betriebswirtschaftliche Zusammenhänge und kann sie erklären. "Wenn das Wetter schlecht ist, gehen die Leute in die Stadt und kommen nicht zur Kirmes mit ihren Kindern." Die Schausteller und auch Jennifer* wissen, dass viele Menschen nicht mehr so viel Geld haben. "Beim Ponyreiten schimpfen die Leute" - so erklärt sie ihrem Lehrer, dass der Preis für eine Runde Reiten zu teuer sei für die Kinder, dabei - so Jennifer* - wissen die Leute gar nicht, dass das Futter für die Tiere auch teuer ist. Später kommen die Kinder mit ihren Eltern manchmal noch einmal an den Stand mit den Ponys und bringen ein selbst gemaltes Bild vorbei, weil ihnen das Ponyreiten so viel Spaß gemacht hat.

 

Berufliche Qualifizierung von Schaustellerkindern

 

Schausteller oder Schaustellerin zu werden ist kein Ausbildungsberuf im klassischen Sinne dennoch ist die berufliche Qualifizierung sehr wichtig. Schaustellerkinder sind wie alle Jugendlichen berufsschulpflichtig. Die Stadt Herne ist nicht nur bekannt durch die CRANGER Kirmes sondern in Herne kümmert man sich schwerpunktmäßig um die berufliche Qualifizierung von Schaustellern und Circusangehörigen und zwar in dem Projekt BekoSch. Auch im Jahr 2006 werden in Herne am Eschertaler Berufskolleg im Rahmen von BeKoSch berufliche Qualifizierungsmöglichkeiten für Schaustellerkinder und Circusangehörige angeboten.

 

Die Jugendlichen reisen an und können durch die Teilnahme am Blockunterricht ihrer Berufsschulpflicht nachkommen. Jugendliche erwerben beispielsweise Grundkenntnisse im Schweißen, sie lernen Sicherheitsvorschriften kennen, die insbesondere für den Betrieb der modernen hoch technisierten Fahrgeschäfte wichtig sind, oder sie lernen etwas über Raum- und Farbgestaltung. Über die Teilnahme erhalten die Jugendlichen Zertifikate.

 

 

Schaustellerkinder bedürfen unserer Förderung - Kommentar

 

Ich denke gerade zur Weihnachtszeit oft an ein Kind wie Jennifer*, deren Eltern in der Kälte und im Lärm der Weihnachtsmärkte ihr Geld verdienen und die mithelfen, dass die Kinder in unserem Land einen schönen Tag auf dem Weihnachtsmarkt beim Ponyreiten, Zuckerwatte essen und Karussell fahren verbringen können. Jennifer* hat in unserem Schulsystem nicht sehr gute Chancen eine gute Schülerin zu sein. Aber im Gegensatz zu vielen Kindern und Jugendlichen weiß sie schon was sie einmal werden möchte, nämlich Schaustellerin.

  

* Name von der Redaktion geändert

 

http://www.emschertal-berufskolleg.de/bekosch.htm

 

www.schule-unterwegs.de

 

http://www.jumpforward.de/berufe/7081/Schausteller-in.html

 

Autorin:

Hildegard Dierks

Spandauer Allee 95

33619 Bielefeld

E-mail: diekat@t-online.de

 

 


 
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