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Grüne Woche: Länder sollen Schulessen zum Top-Thema machen

Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv): Schulen müssen Ernährungskrise bei Kindern entgegensteuern - gute Beispiele müssen Schule machen - "Gutes Essen und Ernährungserziehung in der Schule sind der notwendige Kontrapunkt zum Werbemärchen von 'gesunden Süßigkeiten' und zu familiären Ernährungsdefiziten", so Müller.



"Der flächendeckende Ausbau der Ganztagsbetreuung an den Schulen ist eine einmalige Chance." Diese Chance zur Verbesserung der Gesundheit, Konzentrationsfähigkeit und Lernfreude von Kindern und Jugendlichen dürfe man nicht verspielen. Klar sei, dass mit dem Anspruch der Schulen nicht vereinbar ist, hungrige Schüler mit Süßigkeiten und Softdrinks zu versorgen.


Esskultur im Wandel: Wenn Eltern versagen, müssen Schulen einspringen

Jedes sechste Kind in Deutschland ist zu dick. Mitte der achtziger Jahre war die Zahl der übergewichtigen und fettsüchtigen Kinder nur halb so groß. Neben Defiziten in der Familie (kein gemeinsames Essen mehr, jedes vierte Kind kommt ohne Frühstück zur Schule), einer intensiven Bewerbung zucker- und fetthaltiger Kinderlebensmittel und Bewegungsmangel (20 Prozent der elfjährigen Jungen sitzen mindestens vier Stunden am Tag vor dem Fernseher) tragen auch die Schulen Mitschuld an dieser Entwicklung: Häufig gilt auch für das Essen in Schulen: zu süß, zu fett, zu wenig Obst und Gemüse. Gleichzeitig findet hauswirtschaftlicher Unterricht mit den Themen Lebensmittel und Ernährung im Schulunterricht kaum statt.


Dabei ist gerade das Schulalter wichtig für die Ausprägung von Ernährungsverhalten, des Gewichts sowie Gesundheitszustands im Erwachsenenalter. Wer bereits als Kind oder Jugendlicher übergewichtig ist, ist dies mit großer Wahrscheinlichkeit auch im Erwachsenenalter. Bei übergewichtigen Zehn- bis 13-Jährigen beträgt die Wahrscheinlichkeit, auch als Erwachsene übergewichtig zu sein, mehr als 80 Prozent. Millionen Kinder stillen ihren Hunger zum großen Teil in der Schule - vornehmlich am Schulkiosk oder durch Automaten. Der Trend zur Ganztagschule bietet eine Chance, durch die Gestaltung eines gesundheitsfördernden Verpflegungsangebots in Schulen, dem gesamtgesellschaftlichen Negativ-Trend steigender Übergewichtsraten bei Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken.


Studie belegt: Gute Ansätze bleiben lückenhaft

Eine vom vzbv zum Auftakt der Grünen Woche präsentierte Erhebung zur Situation der Schulverpflegung in Deutschland zeigt, dass zwar vielerorts verbindliche Vorgaben für das Schulessen in den Schulgesetzen fehlen. Zugleich gibt es jedoch viele gute Einzelaktivitäten und Ansätze, die es zu bündeln gilt:


So sieht das Schulgesetz von Sachsen-Anhalt ein warmes Vollwertmahl zu sozial angemessenem Preis vor. Bei der Umsetzung in der Praxis müssen der Schülerrat und der Schulelternrat vom Schulträger angehört werden. Auch in Brandenburg muss die Schule zur Mittagsversorgung angehört werden. Hier wie auch in Mecklenburg-Vorpommern gewährleisten die Schulgesetze zudem eine Milchversorgung. In vielen Bundesländern entscheidet die Schulkonferenz über das Warengebot an Schulkiosken und Automaten. In Berlin haben fast alle Bezirke die "Berliner Qualitätskriterien" zur Verpflegungsorganisation in ihre Ausschreibungsverfahren für Catering-Unternehmen aufgenommen. In Brandenburg ist dies geplant. In Berlin gibt es Zuschüsse für Grundschüler, in Rheinland-Pfalz für sozial benachteiligte Schüler. Die Zusammenarbeit mit fachwissenschaftlichen und regionalen Akteuren (unter anderem in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Saarland, Sachsen) und das Zertifikat "Gesundheitsfördernde Schule" in Hessen sind weitere positive Ansätze zur Nachahmung.


Auch ein Blick über die Landesgrenzen gibt Anschauungsunterricht:

 

  • In Dänemark, Irland, Slowakei, der Schweiz und den Niederlanden herrscht das Grundprinzip, die Schülerinnen und Schüler bei der Herstellung der Speisen zu beteiligen.

  • In Schottland, Großbritannien und Frankreich sind verbindliche Standards zur Schulverpflegung vorgeschrieben, die zur Einhaltung von Nährwertempfehlungen und somit zur Berechnung der Rezepturen fast aller Speisen verpflichten. Zudem sind allgemeine verbindliche Anforderungen an die Catering-Unternehmen festgesetzt.

  • In Schweden und Finnland steht für alle Kinder das Essen kostenlos zur Verfügung. In diesen beiden Ländern und in Frankreich ist der Verkauf von Limonaden und Softdrinks an Schulen untersagt.

  • In Portugal steht jeder Schule eine Gesundheitsassistentin zur Seite, die die Schulen bei den Mahlzeiten berät und das Kiosk- und Automatenangebot kritisch überprüft.

 

Sechs-Punkte-Programm für die Länder: Theorie und Praxis sollen ineinandergreifen

Der vzbv legte ein Sechs-Punkte-Programm vor, mit dem die Länder die Qualität des Schulessens und der Ernährungsbildung voranbringen sollen. Theorie im Unterricht und Praxis am Esstisch müssten wieder stärker ineinandergreifen, forderte der vzbv:

 

  1. Die Länder sollten in ihren Schulgesetzen die Verpflichtung der Schulträger für eine gesundheitsförderliche Ernährung aufnehmen. Sie sollten dies mit dem Erziehungsauftrag verbinden, um eine Deckungsgleichheit von Bildungsinhalten und tatsächlichem Lebensmittelangebot zu erreichen.

    Bei der Umsetzung sollen Schulträger und Schulen fachliche Empfehlungen (zum Beispiel der Deutschen Gesellschaft für Ernähung) aufgreifen.

    Sofern Schulen Catering-Unternehmen mit der Essenszubereitung und Essenslieferung beauftragen, müssen Kriterien für eine gesundheitsfördernde Schulverpflegung in die Ausschreibungen aufgenommen werden.

    Entsprechende Vorgaben sollten auch für das Angebot am Schulkiosk und Automaten gelten: Softdrinks und ungesunde Snacks sollten aus Automaten und Schulkiosken verschwinden.

  2. In der Umsetzung dürfen Schulen mit der Organisation einer gesunden Schulverpflegung nicht alleingelassen werden.

    Aufbau einer Plattform für Schulverpflegung der Länder und Kommunen, die allen beteiligten Akteuren (Schulleiter, Schulträger, Eltern- und Schülervertreter, Lehrer und Essensanbieter) zur Information, zum Erfahrungsaustausch und zur Beratung zur Verfügung steht.

    Regelmäßige Überprüfungen der Qualität der Schulverpflegung (Siegel, TÜV etc.)

  3. Das Bundesverbraucherministerium sollte die Situation der Schulverpflegung in Deutschland regelmäßig evaluieren.

  4. Jugendzeitschriften und das Umfeld von Kinderprogrammen im Fernsehen oder Internet sollten frei sein von Werbung für ernährungsphysiologisch problematische "Kinderlebensmittel".

  5. Für Werbung und Sponsoring in Schulen sollten bundesweite Standards festgelegt werden. Vor allem für die Bewerbung problematischer Lebensmittel im Schulumfeld muss es klare Grenzen geben.

  6. Verantwortungsvolle Eltern: Ungeachtet des Engagements der Schulen muss Ernährungserziehung primär zu Hause erfolgen. Wer sein Kind ohne Frühstück in die Schule schickt, statt eines Butterbrotes ein Pausengeld oder statt Obst einen Schokoriegel mit auf den Schulweg gibt, darf nicht auf die Verantwortung der Schulen zeigen.

 

Quelle: Talking Food

http://www.talkingfood.de/presse/presseschau/TITEL-Grüne_Woche% 3A_Länder_sollen_Schulessen_zum_Top-Thema_machen,3803.html

 

 


 
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