Mit vier ging Ezra mit
seinem Vater zur Hannover-Messe. Mit fünf erklärte er ein Düsentriebwerk. Nach
einem halben Jahr übersprang er die erste Klasse. Heute ist Ezra zehn. Und bekam
vom Gymnasium gerade den zweiten Verweis.
Hoch begabte Kinder haben
auch in Hamburg noch immer oft Probleme, weil sie nicht ihren Bedürfnissen
entsprechend gefördert werden. Seit einem Jahr bietet jetzt das
Hochbegabten-Zentrum im UKE Kindern und Eltern eine Anlaufstelle, hilft mit
differenzierten Tests bei der Feststellung der Hochbegabung und bietet Betreuung
an. Rund 350 Kinder wurden dort im ersten Jahr betreut. "Der Bedarf ist riesig",
resümiert Professor Michael Schulte-Markwort, stellvertretender Direktor der
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und verantwortlich für das Zentrum.
Allein in den ersten zwei Wochen gab es 200 Anmeldungen.
"Ezra ist ein klassischer
Fall, der zeigt, welche Probleme es geben kann, wenn hoch begabte Kinder nicht
entsprechend gefördert werden", sagt die leitende Ärztin, Miriam Bachmann. Nicht
immer müsse es Probleme geben, aber wenn sie kämen, dann sei der Leidensdruck
oft übergroß.
"Ezra kam schon am Anfang
enttäuscht nach Hause", erinnert sich seine Mutter. Er habe gedacht, er lerne
dort Rechnen", schimpfte er, aber die anderen fingen erst an zu zählen. Der
knapp Sechsjährige, der schon schreiben konnte, langweilte sich beim
Buchstabenausmalen. "Die Lehrerin sagte nur, so etwas wie Hochbegabung habe es
früher nicht gegeben, und heute sei das ebenso", berichtet Gabi Bornheimer von
ihren Erfahrungen.
Trotz einer
Realschulempfehlung ging Ezra aufs Gymnasium. Auch dort kümmerten die Lehrer
sich eher um die schwächeren Schüler. Die Probleme eskalierten, Ezra störte
immer öfter im Unterricht. Statt den hoch begabten Jungen zu fordern, wiesen die
Lehrer ihn zurecht. "Heute glaubt er immer, dass er schuld sei, wenn etwas
schief geht", sagt seine Mutter und spricht von depressiven Störungen. Schule
ist für ihn ein rotes Tuch.
Im Hochbegabten-Zentrum
ließen die Eltern Ezra testen. Das Ergebnis überraschte nicht. Der Zehnjährige
hat einen Intelligenzquotienten (IQ) von knapp 130. Mit 115 bis 130 gilt man als
überdurchschnittlich intelligent, ab 130 als hoch begabt. Im Sommer wechselt
Ezra die Schule und wird künftig auf die private Brecht-Schule gehen, die sich
in speziellen Integrationsklassen um hoch begabte Kinder kümmert.
"Es gibt in den staatlichen
Schulen noch immer viel zu wenig Differenzierungen innerhalb des Unterrichts",
kritisiert Professor Michael Schulte-Markwort. Lehrern mangele es oft noch immer
an dem Bewusstsein, dass sie es seien, die eine besondere Begabung bei Kindern
erkennen und fördern müssten, sagt der Experte. Er fordert eine verbesserte
Ausbildung der Lehrer: "Wir brauchen nicht nur Wissensvermittlung, sondern
bessere pädagogische Konzepte." Aber auch das Bewusstsein, dass eine Elite etwas
Negatives sei, müsse sich ändern. "Eliten sind oft noch immer
Außenseitergruppen, das ist unsere soziale Realität", so Schulte-Markwort. Und
Elitenförderung gelte oft noch immer als "Luxus".
"Wir müssen einfach mehr
dazu kommen, die Hochbegabung als Ressource und als etwas Schönes zu sehen, das
aber gefördert werden muss", fordert auch die ärztliche Leiterin Miriam
Bachmann. Sie erlebt immer wieder, wie anders die Realität aussieht. Manches
hoch begabte Kind landet sogar als Crashkid auf der Straße. Ausschulungen von
Gymnasien sind keine Seltenheit. Einem Hochbegabten droht der Schulausschluss
sogar auf der Gesamtschule. Und ein elfjähriges Mädchen leidet unter
Sehstörungen, Bauch- und Kopfschmerzen - alles psychosomatische Erkrankungen.
Das Zentrum, das von der
Hamburger Stiftung zu Förderung Hochbegabter unterstützt wird, will solche und
ähnliche Probleme künftig auch wissenschaftlich auswerten. Und im Herbst soll es
für die Eltern praktische Hilfe geben: Ein Gesprächskreis erarbeitet derzeit
eine Broschüre "Hamburger Wegweiser für Hochbegabte" mit Adressen und Tipps der
vernetzten Organisationen. Deborah Knür
Artikel erschienen am 25. April 2004


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