Mit Beginn der 3. Klasse macht sie eine außerschulische Legasthenietherapie und es ist ihr gelungen, die lautgetreue Rechtschreibung abzusichern. Das hat sie mit viel zusätzlichem Engagement geschafft, denn sie wollte unbedingt auf das Gymnasium gehen, damit sie Tierärztin werden kann. Die erste Hürde auf dem Gymnasium musste sie mit Englisch meistern, denn es werden fast alle Wörter anders gesprochen als geschrieben. Lena hat versucht, über die mündliche Leistung ihre schriftsprachliche Schwäche auszugleichen. In diesem Jahr ist als zweite Fremdsprache Französisch hinzugekommen und Lena ist am verzweifeln. „ Leider schreiben wir in Französisch jede Woche einen Vokabeltest und meine Lehrerin sieht meine Rechtschreibfehler als Grammatikfehler an und so bekomme ich regelmäßig eine 5 oder 6, obwohl ich alle Vokabeln gelernt habe. Wenn ich mündlich abgeprüft würde, könnte ich auf einer 2 stehen“, bedauert Lena.
Legastheniker haben eine gestörte Sprachwahrnehmung, denn wie in
neurobiologischen Untersuchungen nachgewiesen wurde, sind die Regionen im
Gehirn, die bei der Wahrnehmung und Unterscheidung von Lauten aktiviert werden,
bei Legasthenikern deutlich schwächer ausgeprägt. In Untersuchungen von Prof.
Schulte-Körne et al. wurde nachgewiesen, dass insbesondere die Speicherung von
Wörtern bei Legasthenikern verändert ist. Auch bei Aufgaben, die eine aktive
Speicherung von Lauten erfordern, zeigt sich eine deutliche Minderleistung bei
Legasthenikern. Diese Speicherschwäche tritt selektiv nur bei Lauten und
Buchstaben auf, nicht bei nichtsprachlichem Material, wie z. B. grafischen
Mustern. Das bedeutet, dass bei der Legasthenie eine spezifische
Gedächtnisschwäche für schriftsprachliches Material vorliegt.
Lena hilft diese wissenschaftliche Erkenntnis in der Schule wenig.
Ihre Lehrerin ist fest der Meinung, dass sie durch mehr Üben ihre Schwäche
überwinden kann. „Ohne Nachteilsausgleich und Notenschutz bei
Rechtschreibleistungen werden die betroffenen Kinder in unserem Bildungssystem
diskriminiert. Sie werden für etwas bestraft, was sie aufgrund ihrer
Wahrnehmungsstörung gar nicht leisten können. Die Lehrer sind leider oftmals
nicht in der Lage, auf die Probleme dieser Kinder einzugehen. Was man in der
Muttersprache eindeutig als Rechtschreibfehler einordnet, wird in den
Fremdsprachen meist als Grammatikfehler bewertet und so haben es Legastheniker
in den Fremdsprachen besonders schwer. Französisch stellt dabei eine besondere
Hürde da, denn die Endungen werden nicht mitgesprochen und so scheitern die
Kinder hoffnungslos“, so Christine Sczygiel, Vorsitzende des BVL,
Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie.
Ob Lena den Weg zur Tierärztin schaffen wird, ist offen. Ab der 10.
Klasse fällt für sie der Notenschutz auf Rechtschreibleistungen weg und sie
muss zwei Fremdsprachen mit bis ins Abitur nehmen. „Ob ich als Tierärztin mit
meinen Patienten englisch, französisch oder spanisch spreche, ist doch egal,
ich muss als Ärztin fachlich kompetent sein und da brauche ich die
Fremdsprachen nicht. Eine 5 in Englisch könnte ich ja noch durch Biologie,
Mathematik oder Physik ausgleichen, denn da schaffe ich locker eine 2, aber
wenn ich dann noch in Franz auf 5 oder 6 stehe, kann ich das Abi und meinen
Berufswunsch abhaken“, ärgert sich Lena.
Der BVL, Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie setzt sich dafür
ein, dass die betroffenen Schülerinnen und Schüler eine Chancengleichheit in
unserem Bildungssystem erhalten und nicht wegen ihrem Störungsbild
diskriminiert werden. Am 10. November 2007 findet im Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf eine Fachtagung zu dem Thema „Chancengleichheit herstellen,
Diskriminierung vermeiden“ statt. Nähere Informationen zu der Veranstaltung
sind im Internet auf der Homepage des BVL unter www.bvl-legasthenie.de
abrufbar.
| Pressekontakt Berlin Ansprechpartner: Holger Ballwanz Telefax: 03044677399 |

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