Nach schlechten Erfahrungen mit unaufmerksamen Schülern, die sich nicht den
Unterrichtsinhalten, sondern verbotenen oder fragwürdigen Aktivitäten im
Internet widmen würden, verabschiede man sich von Laptops. Der Einsatz der
mobilen Endgeräte würde nicht, wie ursprünglich angenommen, die Lernkultur
bereichern und Lernleistungen verbessern. Im SPIEGEL-Online-Artikel wird nun an
einigen Stellen auffälligerweise nicht zwischen Laptops und Computern
trennscharf unterschieden. Diese mangelnde Differenzierung hat offensichtlich
leider dazu geführt, dass andere Medien die Gelegenheit beim Schopfe gepackt
haben und aus der medienpädagogischen Spezialdiskussion zum Schüler-Laptop zum
wiederholten Male eine grundsätzliche Diskussion über Wohl und Weh digitaler
Medien in der Schule gemacht haben. Die Berliner Zeitung schrieb von einem „
Denkfehler“: Die neue Technik verbessere nicht automatisch das selbstgesteuerte
Lernen. Dies würde aber auch in Deutschland seriöserweise niemand behaupten. „
Digitale Medien können, wenn bestimmte Einflussgrößen gegeben sind, mit
dazu beitragen, die Lehr- und Lernkultur zu verbessern“, betont Ralf Münchow,
geschäftsführender Vorstand von Schulen ans Netz. Dass es nicht damit getan
ist,
die Technik einfach in die Schulen zu stellen, ohne geeignete pädagogische
Einsatzszenarien zur Verfügung zu haben, ist wohl unstrittig.
Wenn Lehrer ohne Internet weiterwursteln, ist das fatal
Dass Computer und Internet die schulische Lernkultur verbessern, ist aber nur ein Argument, das von den Befürwortern ins Feld geführt wird. Hier muss man unbedingt noch auf das zweite, eher lebensweltliche Argument hinweisen: Digitale Medien sind integraler Bestandteil der modernen Arbeits- und Freizeitwelt; dieser Tatsache kann sich Schule nicht verschließen und muss jungen Menschen einen kompetenten und kritischen Umgang mit Computer und Internet vermitteln. Hannes Beecken, Lehrer am Hamburger Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer: „Wer in der Informationsgesellschaft mithalten will, muss gerade gelernt haben, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Die Versuchung für Lehrer, die (nicht einfach zu vermittelnde) Methodik der gezielten Materialsuche aus dem Unterricht auszublenden und ohne Internet weiterzuwursteln, ist groß, wäre aber fatal. Die Schüler würden zu Hause für ihre Hausaufgaben ohne die methodische Anleitung durch die Schule ungezielt im Internet suchen und eben nicht gut auf die Herausforderungen der Informationsgesellschaft vorbereitet sein.“
Der gerne ins Feld geführte Hinweis, dass Schule auch nicht die Kunst des Autofahrens vermittelt, greift hier nicht. Denn Computer und Internet sind nicht einfach nur Werkzeuge unter vielen; der Umgang mit ihnen kann als eine Kulturtechnik aufgefasst werden, die zentrale Bedeutung für die Wissens- und Informationsgesellschaft hat. Auch ohne (Auto-)Führerschein kann man an der modernen Arbeits- und Berufswelt partizipieren - ohne Medienkompetenz sicherlich nicht. Mehr zur medienkritischen Debatte im Artikel „ Medienkritik revisited“ im Schulen-ans-Netz-THEMENDIENST.
Laptop-Klassen benötigen ein durchdachtes Konzept
Der Artikel der New York Times, der in Deutschland eine mediale Kettenreaktion ausgelöst hat, berichtet nicht von einem generellen Rückzug von Computer und Internet aus amerikanischen Schulen; es geht primär um persönliche Schüler- Laptops.
Die Medienwissenschaftlerin Professor Gabi Reinmann, Universität Augsburg, stellt zunächst klar, dass der Artikel im Wesentlichen auf Probleme aufmerksam macht, die lange bekannt sind und auch in deutschen Studien immer wieder bestätigt werden. Zusammenfassend stellt Sie fest:
· „ Erstens: Notebook-Unterricht führt nicht primär zu besseren fachlichen Leistungen; dies ist nur unter speziellen Bedingungen der Fall. Notebook-Unterricht steigert aber sehr wohl überfachliche Kompetenzen, die jedoch mit standardisierten Leistungstests nicht erfasst werden.
· Zweitens: Notebooks im Unterricht können ablenken und missbraucht werden. Das tritt aber nicht zwangsläufig, sondern vor allem dann ein, wenn Notebook-Unterricht unprofessionell und einseitig ist, wenn Lehrer unerfahren und ungeübt sind.
· Drittens: Notebooks in der Schule bedürfen eines durchdachten Finanzierungs- und Betriebskonzepts. Liegt ein solches nicht vor, treten Überforderungen im technischen Bereich ebenso wie im Bereich der Kosten auf.“
Sie warnt, man „sollte … die Aufregung aus dem Thema nehmen. Es gibt keinen Anlass, den Bericht als Aufhänger für unüberlegte Entscheidungen welcher Art auch immer heranzuziehen.“
Durch bessere Technik werden Schulen nicht einfach besser
Dr. Heike Schaumburg, Medienpädagogin an der Berliner Humboldt-Universität, die Notebook-Projekte evaluiert, kann die Erfahrungen der amerikanischen Schulen durchaus bestätigen. Dennoch wehrt sie sich vehement gegen eine generelle Kritik an Laptop-Klassen: „Es sind eben nur einige Schulen, die ihre Notebook-Klassen wieder abschaffen und das hat auch Gründe. Natürlich ist es nicht so, dass man nur eine Technologie in die Schulen hineinstecken muss, und automatisch wird alles besser. Die Rahmenbedingungen, unter denen mit Notebooks gearbeitet wird, sind entscheidend.“ Diese Voraussetzungen, unter denen mit Laptops erfolgreich gearbeitet werden kann, sind vielfach beschrieben und lassen sich ganz einfach zusammenfassen: Schulleitung, Kollegium, Eltern und Schüler müssen hinter dem Laptop-Projekt stehen; Ressourcen für die Schulung der Lehrkräfte müssen eingeplant werden; Kollegien müssen gemeinsame Curricula für den Einsatz der Rechner erarbeiten; Es müssen tragfähige Konzepte für die Finanzierung und den Support vorliegen.
Hannes Beecken, Lehrer am Hamburger Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer weiß aus langjähriger Erfahrung in Laptop-Klassen: „Ein zentraler Punkt für den Erfolg oder Misserfolg von Notebook-Projekten ist aber die konzeptionelle Vorbereitung des Lehrerteams unter Mitwirkung der Eltern und Schüler. Alle Beteiligten müssen die Chance haben, ihre Erwartungen an das Projekt zu formulieren - und dies muss ganz klar den pädagogischen Mehrwert des Projekts und damit der Investition umreißen. Frontalunterricht mithilfe von Notebooks, gleich ob dem Schüler ein Lehrer oder eine so genannte Lernsoftware vorgesetzt wird, lohnt die Investition nicht.“
Das bestätigt auch Manfred Kresse, Lehrer am Ratsgymnasium in Minden. An seiner Schule wird das Laptop-Projekt von den Eltern und Kindern mitgetragen. Er kritisiert an den amerikanischen Projekten, die der Artikel benennt, dass es sich dort um „von oben eingestielte Projekte“ handele, die schnelle technische Hilfe für pädagogische Probleme bringen sollten. Gegen den staatlich finanzierten Laptop-Segen in den USA wehrt er sich: „Die Unfallraten von Führerscheinanfängern änderten sich auch, wenn jedem Neuling staatlicherseits ein Auto zur Verfügung gestellt würde.“
Damit rührt er an den Kern des Problems: Nicht die Verfehlungen, die Schüler mit der Technik begehen, sind das Problem, sondern die Schule, die ihnen keine anderen Herausforderungen stellt. Gabi Reinmann ist aber überzeugt, dass das Ausspionieren von Sicherheitslücken und der Austausch von verbotenen Spielen und Filmen ein Signal dafür ist, dass der Unterricht nicht genügend Herausforderungen für die Lernenden bietet. Sie fordert: „Wir müssen Schülern einen anspruchsvollen Unterricht bieten, in denen Notebooks auch sinnvoll zum Einsatz kommen können. Wenn Notebooks eine pädagogische Funktion erfüllen sollen, muss sich natürlich auch der Unterricht ändern – und zwar erheblich!“
Auf die Dosis kommt es an
Der Mathematikdidaktiker Professor Peter Baptist, Universität Bayreuth, bestätigt dies:
„Es ist eine Binsenwahrheit, dass man zum "Mathepauken" keine Computer braucht. Inzwischen ist aber auch bekannt, dass "Mathepauken" eher Frust als Lust erzeugt und uns TIMSS- und PISA-Schocks beschert hat. Ein moderner Unterricht, der Schülerinnen und Schüler zu verantwortungs- und verständnisvollem Lernen führt, wird sehr wohl durch Computer und Laptops unterstützt, auch und gerade im Mathematikunterricht. Hierzu bedarf es geeigneter Software, gut geschulter Lehrkräfte und eines engagierten Lehrerteams, um die richtige Dosis des Computereinsatzes abzustimmen.“
Computer und Internet können – wie alle Technik – zum Guten wie zum Schlechten genutzt werden. Die Frage wäre, ob Schüler aufhören, Killerspiele zu spielen, Websites zu hacken und anderen Unfug zu treiben, nur weil sie im Unterricht keine Laptops mehr zur Verfügung haben? Oder sollten nicht vielmehr Lehrende, Lernende und weitere Beteiligte die Chance wahrnehmen, gemeinsam die Möglichkeit der neuen Technik zu einem anderen Unterricht zu nutzen und sinnvollen Einsatzmöglichkeiten mehr Raum geben?
Autoren: Dirk Frank/Richard Heinen
Quelle:
www.s chulen-ans-netz.de/meldungen/aktuelles/medienkritik.php


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