Es ist der starre Blick,
der einem zu schaffen macht. Philipp von Boeselanger fixiert einen imaginären
Punkt an der gegenüberliegenden weißen Wand, wenn er redet. Aus der Gegenwart
scheint er fast zu verschwinden, wenn der alte Mann von damals erzählt. Das
Gesicht zeigt keine Mimik, die Hände liegen gefaltet im Schoß, nur manchmal
reibt er mit den Fingern über den rechten Handrücken.
Lediglich dieser
Blick lässt ahnen, wie tief und schmerzhaft die Ereignisse von damals für den
Mann geblieben sind. Konzentriert und fast reglos sitzt der 86-Jährige da im
Hochlehnstuhl in seinem Wohnzimmer im idyllischen Ahrtal und berichtet mit
klaren, schnörkellosen Worten. In knappen Sätzen beschreibt er ein Land in den
dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, das Deutschland heißt -
den meisten Deutschen heute aber fremder ist als die Antarktis oder der Mond.
Philipp von Boeselager war 25 Jahre alt, als er sich dem militärischen
Widerstand gegen Hitler anschloss. Der junge Offizier aus rheinischem Adel wurde
nach einem Bauchschuss an der Ostfront und sechs Monaten im Lazarett im Mai 1942
dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte in Russland, Generalfeldmarschall
Günther von Kluge, als Ordonanzoffizier zugeteilt - so eine Art "Mädchen für
alles" auf höchstem Niveau. Zu seinen Aufgaben gehörte es, Kluge die eingehenden
Meldungen vorzutragen. Hier bekam er zum ersten Mal mit, was hinter den Linien
passierte.
Gleich in den ersten Tagen fiel ihm in einer solchen Meldung
der Satz auf: Fünf Zigeuner sonderbehandelt. "Ich wusste gar nicht, was das ist,
'sonderbehandelt', und Kluge hatte das auch noch nie gehört." Der Absender der
Meldung, ein SS-Obergruppenführer, erklärte es wenige Tage später beiden: ohne
Gerichtsverfahren erschossen. "Da habe ich zum ersten Mal mitbekommen, dass von
oben angeordnet worden war, alle Juden und Zigeuner, die man schnappen konnte,
umzubringen." Er stieß immer wieder auf solche Informationen. Seine sowieso
schon große Skepsis gegen die Nazis wandelte sich zu klarer Ablehnung.
Das schicksalhafte Telefonat mit Hitler
Entscheidend für
Boeselagers weiteres Schicksal war ein Telefonat zwischen Adolf Hitler und Kluge
zum 60. Geburtstag des Generalfeldmarschalls. Der junge Offizier sollte mithören
- wie immer bei den Ferngesprächen Kluges. Hitler gratulierte und schenkte Kluge
Bezugsscheine für Baumaterial und 250.000 Reichsmark (heute rund 500.000 Euro)
für den Ausbau eines Kuhstalls auf dessen Gut. Kluge fragte seinen Untergebenen
anschließend nach seiner Meinung dazu. Boeselager fand es ungewöhnlich, dass ein
General im Krieg eine Dotation bekommen sollte. "Nach einem gewonnenen Krieg
selbstverständlich, aber doch nicht im Krieg!" Er riet Kluge, das Geld dem Roten
Kreuz zu spenden.
Anschließend war er völlig
verunsichert darüber, ob seine spontane Antwort richtig war, und wollte sich Rat
holen beim Ersten Generalstabsoffizier Henning von Tresckow. "Er war ein Mensch,
zu dem man väterliches Vertrauen haben konnte." Doch aus dem Gespräch wurde
nicht die erwartete Karriere-Beratung. Nach einem längeren Streit zwischen
beiden, ob Tresckow selbst mit Kluge über das Hitler-Geschenk reden könne,
offenbarte sich der väterliche Freund: "Der Feldmarschall darf sich nicht
abhängig machen, wir brauchen ihn im Kampf gegen Hitler." Ein Satz wie ein
Erdbeben. Ein Satz, der das Leben kosten konnte.
Für Boeselager war das
die Eintrittskarte in den Kreis der Verschwörer. "Ab da war mir klar, dass
irgendetwas gegen den Hitler unternommen wird, und das war mir auch Recht. Das
Schmutzpotenzial Hitlers hatte sich langsam so angehäuft, dass ich nur noch
schlecht schlafen und schlecht atmen konnte."
Auch militärische
Erkenntnisse trugen zu dem Entschluss bei, mitzumachen. "Als Soldat sah ich,
dass der Hitler militärisch verrückt war. Von November 1942 an war der
Heeresgruppe Mitte klar, dass der Krieg verloren war", sagt er und verschweigt
nicht, dass er, obwohl nie überzeugter Nazi, zu Anfang den Krieg für richtig
gehalten hatte. "Wir wussten ja nicht, dass der polnische Angriff auf den Sender
Gleiwitz inszeniert war, und dachten damals, das ist schon richtig so, dass wir
zurückschlagen." Auch den Frankreichfeldzug 1940 hatte er noch für richtig
gehalten.
"Wir waren im Krieg und rundrum wurde
gestorben"
Abends traf er sich nun häufig mit Tresckow und dessen
Ordonnanzoffizier Fabian von Schlabrendorff. Um die beiden hatte sich da bereits
die stärkste Oppositionsgruppe in der Wehrmacht gebildet. "Da haben wir dann
besprochen, wie wir das machen. Nicht ob - das war schon klar -, sondern nur
noch wie man Hitler ausschalten könnte." Das Schwierigste in dieser Zeit sei für
ihn die Einsamkeit gewesen. "Man konnte ja mit keinem darüber reden. Mit den
Eltern nicht, mit niemandem. Das wäre viel zu gefährlich gewesen." Lange habe
ihn die Frage gequält, ob er mit seiner Entscheidung für einen Putsch richtig
liege. "Ich habe so eine richtige Kosten-Nutzen-Rechnung im Kopf gemacht. Die
Vorstellung, den Menschen Hitler umzubringen, war nicht schlimm. Wir waren im
Krieg und rundrum wurde gestorben."
Für sein eigenes Schicksal hatte er
vorgesorgt: "Ich hatte immer mein Zyankali dabei", sagt Boeselager und macht
eine seiner sparsamen Gesten, indem er mit der Hand auf die Brusttasche seines
dunkelgrünen Sakkos klopft, als wäre die Kapsel noch heute dort. Das Gift hatte
er sich bei einem befreundeten Arzt besorgt. "Man wusste ja von einigen, die
geschnappt und gefoltert worden waren. Da habe ich gedacht, bevor du dich
verplapperst ... Man fühlte sich dadurch auch frei."
Lesen Sie im zweiten Teil von einem
gescheiterten Pistolenattentat, als Likörflaschen getarnten Bomben und der
quälenden Vorbereitung auf den 20. Juli 1944![]()

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