Zum Beispiel in der Knüller-Kiste auf der Neuköllner Seite, die nur zwei Preiskategorien kennt: 55 Cent für Waren in roten Körbchen, einen Euro für die im blauen. Das Sortiment wirkt, als hätte es ein durchgeknallter Computer zusammengeordert: Mausefallen stehen neben Luftschlangen fürs Kinderfest, Friedhofslichter neben Kaffeetassen, Gläser mit Stangenspargel neben Blumensteckschwämmen. Wer hier seinen Einkaufszettel abarbeiten will, muss ein Geduldsmensch sein.
Aber darum geht es den Kunden – überwiegend Ausländer, ein paar Rentner, vereinzelt auch modisch gekleidete junge Frauen – vermutlich gar nicht. Bewaffnet mit kleinen Plastikwannen streifen sie zwischen den Regalen umher und amüsieren sich allem Anschein nach blendend. Eine ältere Dame wendet eine Keramikputte hin und her (55 Cent), während ein türkisches Ehepaar angeregt die Eignung eines Pizza-/Käsemessersets diskutiert (1 Euro).
„Seit nebenan eine Knüller-Kiste geöffnet hat“, gestand vor einiger Zeit der Berliner Schriftsteller Wladimir Kaminer in der „taz“, „hat sich unsere Wohnung in eine Testzentrale für internationale Fehlgeburten der modernen Haushaltselektronik verwandelt.“ Ich hingegen kaufe nur eine Dose Schuhcreme und ein Paket Karteikarten (Habe ich schon lange gebraucht. Ehrlich!) und widerstehe der Versuchung, als Andenken an diese Recherche eine Schneekugel zu erstehen, in der ein Osterhase im rosa Flittersturm sitzt.
„Erlebnisshopping für die Armen“, so erklärt der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann das Phänomen der Ramschläden à la Knüller-Kiste und Rudis Resterampe: Auch wer wenig Geld im Portemonnaie hat, möchte zum Vergnügen einkaufen.
So hat der Hartz-IV-Empfänger an jenem Mega-Trend teil, der mittlerweile die ganze Gesellschaft erfasst hat: die Lust auf billig. Bei Saturn (Sie wissen schon: Geiz ist geil...) und Media Markt (Ich bin doch nicht blöd!) stöbern wir nach dem billigsten DVD-Player, lauern bei Tchibo auf das neueste Schnäppchen, kleiden uns bei H&M und Zara alle paar Wochen für wenig Geld neu ein. Abends schlürfen wir Champagner von Aldi, und am Wochenende shoppen wir in London, „Budapestchen“ oder „Parislein“, wohin uns Billigflieger wie Ryanair oder Easyjet um den Preis einer Taxifahrt befördern, dem trotz Treibhauseffekt immer noch steuerlich begünstigten Flugbenzin sei Dank. Ab Sommer 2005 bietet uns Schnäppchenjägern Easyjet-Besitzer Stelios Haji-Ioannou übrigens Billig-Kreuzfahrten für 40 Euro pro Tag an – mit Landgang statt Fitness an Bord, Snackbar statt Captain’s Dinner.
Wir konsumieren heute nicht mehr, um Bedürfnisse zu decken, erklärt David Bosshart, Chef des Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft, und nicht einmal mehr, um unsere Wünsche zu erfüllen oder uns etwas Gutes zu tun. Nach Ansicht des Discount-Vordenkers haben wir vielmehr eine neue Stufe des Konsums erklommen: Wir kaufen, weil wir es können. Und das können wir, weil alles so billig ist.
Klang bei diesem Wort einst ein abfälliger Unterton mit, so ist „billig“ mittlerweile salonfähig, wenn nicht Kult geworden. Ungeniert appellieren die Werbetexter an den Geiz, eine der am wenigsten sympathischen Eigenschaften des Menschen, die dem Christentum über Jahrhunderte hinweg als Todsünde galt.
Trendforscher Wippermann mag die Verherrlichung der Knickrigkeit nicht anstößig finden: „Geiz ist vielleicht nicht christlich, aber rational.“ Propheten wie er und David Bosshart schwärmen lieber von der „Professionalisierung der Bürger“, die nicht mehr brav als Stammkunde im Laden um die Ecke einkaufen, sondern clever ihre Verbrauchermacht nutzen, um die Preise immer weiter zu drücken.
Diese „Consumer Democracy“, wie Bosshart sie nennt, wäre undenkbar ohne das Internet. Wenige Mausklicks genügen dem erfahrenen Sucher, um herauszufinden, wo im ganzen Land der billigste Laserdrucker zu haben ist – oder um Markenjeans zum günstigen Dollarkurs aus den USA zu ordern.
Nicht weniger leicht fällt es den Handelsketten, immer billigere Lieferanten auszumachen. Im Zeitalter der Globalisierung überschwemmen Fabriken aus – meist asiatischen – Billiglohnländern die Menschheit mit allem, was sie braucht oder auch nur brauchen könnte: vom Streichholz bis zur Stereoanlage, vom Kinderspielzeug bis zum Kleinwagen aus Korea.
Bei den meisten Industrieprodukten beherrscht inzwischen China den Weltmarkt: Aus dem Reich der Mitte stammen 50 Prozent aller Schuhe, 60 Prozent aller Spielwaren, 80 Prozent der DVD-Player. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen (siehe Seite 30 und 33/34). Der weltgrößte Handelskonzern Wal-Mart, bei Lieferanten für seine knallharte Preispolitik berüchtigt und von Schweizer Menschenrechtlern soeben mit dem „Public Eye Award“ für die Ausbeutung von Arbeitern bei seinen Zulieferern gebrandmarkt, bezog im Jahr 2003 bereits Waren für 15 Milliarden US-Dollar aus China – Tendenz steigend.
Lesen Sie im neuen GREENPEACE MAGAZIN weiter, wie die Billig-Welle die Wirtschaft verändert, und erfahren Sie mehr darüber, warum Aldi-Rosen, Eier, T-Shirts und Barbie-Puppen – scheinbar – so wenig kosten.
Quelle: Greepeace Magazin
http://www.greenpeace-magazin.de/magazin/reportage.php?repid=2226< /A>


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