Die Geschichte scheint vertraut: Im Traum erfährt eine junge Frau, dass sie ein göttliches Kind bekommen wird. Als die Zeit der Niederkunft näherrückt, macht sie sich auf einen langen Weg, doch das Kind kommt früher als erwartet. So wird Buddha unterwegs in einem Dorf geboren, und der gesamte Kosmos erstrahlt zur Stunde der Geburt in überirdischem Glanz.
Auch als Krishna, die beliebteste Gottheit der Hindus, geboren wird, funkeln die Sterne in der Nacht und das gesamte Universum wird von plötzlichem Frieden durchdrungen. Seinen Eltern erscheint Krishna kurz als überirdisches Wesen mit vier Händen, in denen er die heiligen Zeichen Muschel, Rad, Keule und Lotus hält. Dann nimmt er die Gestalt eines irdischen Kindes an.
Vergleicht man die Geburtslegenden der zentralen Figuren der großen Weltreligionen, so stößt man auf erstaunliche Ähnlichkeiten. Göttliche oder erleuchtete Kinder werden von frommen Jungfrauen geboren. Nichts soll die Reinheit der heranreifenden Götter gefährden. Buddha etwa wächst im Innern seiner Mutter wie in einem Tempel heran, im Lotussitz hockt er in ihrem Leib in einem mit Edelsteinen besetzten Gehäuse. Auch das Motiv des Unterwegsseins taucht in vielen Mythen auf. Oft sind die Mütter zum Zeitpunkt der Niederkunft auf beschwerlichen Reisen oder müssen fliehen, weil weltliche Herrscher die Macht des erwarteten Kindes fürchten. Krishna entgeht dem Säuglingsmord nur, weil er mit einem irdischen Kind vertauscht wird.
Auch wenn man abseits der Weltreligionen die Legenden schamanisch geprägter Hochkulturen betrachtet, stößt man auf bekannte Motive: Im Mythenschatz Finnlands findet sich die Geschichte Kalervos, dessen Geschlecht von dessen Bruder Untanamo ausgerottet wird. Nur die Frau Kalervos überlebt. Sie ist noch Jungfrau, trägt aber ein Kind im Leibe. Nach dem schrecklichen Mord an ihrer Familie wird sie von Untanamo in die Fremde verschleppt und bringt dort das göttliche Kind Kullervo zur Welt.
Nordamerikanische Völker erzählen die Geschichte der Himmelsfrau, die auf die ganz von Wasser bedeckte Erde herabfällt und so lange auf dem Rücken einer Riesenschildkröte ausharrt, bis ihr die Tiere vom Grund des Weltmeeres Land heraufgebracht haben. Dann bringt sie jungfräulich das erste Menschenpaar zur Welt. Bei den Irokesen ist die Himmelsfrau ein Mädchen, Tochter des himmlischen Häuptlings, und gebiert ebenfalls als Jungfrau das erste menschliche Zwillingspaar. Geburten, die Göttliches mit Irdischem verbinden, markieren Anfangs- oder Wendepunkte in der erzählten Geschichte der Menschheit. Und sie sind Zeichen des Heils. Stets sind die göttlichen Kinder Retterfiguren, oft bringen sie die aus dem Lot geratene Welt, in die sie geworfen werden, wieder in Ordnung.
In ihrem neuen Buch „Der Mythos vom göttlichen Kind“ hat Renate Günther eine beträchtliche Zahl göttlicher Geburtslegenden zusammengetragen. Doch so frapierend die Ähnlichkeiten sind, es gibt auch fundamentale Differenzen. Etwa zwischen den mythischen Erzählungen und der Geburtsgeschichte Jesu. „Nur im Christentum ist die Menschwerdung Gottes in Jesus ein einmaliges und zentrales Ereignis, ein entscheidender Baustein der Religion“, sagt Frank Vogelsang, Direktor der Evangelischen Akademie in Bonn. In den Mythen großer Kulturen gibt es meist zahlreiche göttliche Geburten; das Motiv wird also verwendet, um die Besonderheit bestimmter Figuren zu signalisieren. Auch werden diese Gottheiten nicht wirklich Mensch, sondern nehmen auch wieder göttliche Gestalt an, etwa wenn Gefahr droht.
„Jesus aber wird ganz Mensch und stirbt am Ende auch einen menschlichen Tod am Kreuz“, sagt Werner Höbsch, Leiter des Referats für interreligiösen Dialog des Erzbistums Köln. Den Vergleich der Motive in den Erzählungen von göttlichen Geburtsgeschichten findet er aufschlussreich, wenn auch die Unterschiede beachtet werden - die Zusammenschau also nicht zu Relativismus führt. „Die Geburtsgeschichte Jesu ist kein Mythos, der eine Lebensweisheit in eine Geschichte kleidet, sondern ein geschichtliches Ereignis“, sagt Höbsch. „Christen glauben daran, dass Gott durch die Geburt Jesu einmalig in das historische Geschehen eingegriffen hat.“
Doch um von diesem eigentlich unbeschreiblichen Wunder berichten zu können, brauchen die Menschen Bilder. „Diese Bilder haben aber nicht die Kraft der Wahrheit“, so Frank Vogelsang, „sie sind nur Verständigungshilfen, dessen sollte man sich stets bewusst sein.“ Den Blick nicht nur zu Weihnachten auf die Geburtsgeschichte Jesu zu lenken, hält Vogelsang aber für sinnvoll, denn „das Wunder von Jesu Geburt ist auch ein Hinweis auf das Wunder in jeder Geburt“.
Quelle: RP-Online

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