Tübinger Wissenschaftler befragt Schüler zur Wirkung von
Erziehung
Im Schulsport sollen Kinder und Jugendliche verschiedene Sportarten mit
ihren Bewegungsabläufen und Spielregeln kennen lernen sowie ihre sportlichen
Fähigkeiten und Fertigkeiten verbessern. Es würde leicht vergessen, sagt Dr.
Andreas Hoffmann vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen,
dass die Schule aber auch im Fach Sport einen Doppelauftrag erfüllen sollte:
neben der Qualifikation soll die Erziehung der Schüler, die Charakter- und
Persönlichkeitsentwicklung, eine ebenso große Rolle spielen. Fairness und
Kooperation zum Beispiel sind im Fach Sport anschaulich zu vermitteln. Der
Aspekt Erziehung im Schulsport ist ein Forschungsschwerpunkt von Andreas
Hoffmann. Und da seiner Ansicht nach in didaktischen Arbeiten viel zu häufig
von theoretischen Modellen ausgegangen wird, geht er in seinen Untersuchungen
praktisch vor: Mit einem Wechsel der üblichen Forschungsperspektive befragt er
in erster Linie die Schüler, wie stark sie die Erziehungsaspekte im
Sportunterricht überhaupt wahrnehmen. Andreas Hoffmann kommt insgesamt zu dem
Ergebnis, dass der Schulsport beziehungsweise die Sportlehrer eine viel größere
Wirkung auf die Schüler haben, als ihnen bewusst ist.
Weil sich heute viele Kinder und Jugendliche nicht ausreichend bewegen, wird
dem Schulsport etwa in den Medien eine erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. Doch
der Sport- und Erziehungswissenschaftler Andreas Hoffmann stellt klar: "Im
Schulsport lassen sich keine körperlichen Effekte erzielen. Das ist eine
Standarderkenntnis in der Sportmedizin." Durch die Wege zur Turnhalle, die Auf-
und Abbauzeiten sowie längere Erklärungen oder Wartezeiten bewege sich ein
Schüler nur in einem Bruchteil der Zeit des Sportunterrichts. Bei der Erziehung
zum Sport im Schulunterricht gehe es vielmehr darum, Wissen über Sport zu
vermitteln, damit die Schüler in der Gesellschaft mitreden können. Sie sollten
zum außerschulischen Sporttreiben angeregt werden und andererseits durch den
Sport erzogen werden, zum Beispiel zur Kooperation, zur Leistungsbereitschaft
oder zur Abkehr von Gewalt und Drogen.
Um zu erfassen, ob der Schulsport in dieser Weise auch wirkt, sind
unterschiedliche Methoden denkbar. "Wenn man zum Beispiel 20 Klassen beim
Unterricht beobachten will, ist das allerdings sehr aufwendig", erklärt
Hoffmann. "Fragt man die Lehrer, was sie ihren Schülern im Unterricht
vermitteln, ist es naheliegend, dass sie die gewünschten Verhaltensweisen
nennen." Er hat sich daher zusammen mit seiner Arbeitsgruppe entschieden, die
Betroffenen selbst zu befragen - die Schüler. In einer Voruntersuchung haben
die Sportwissenschaftler sich überlegt, in welchen Situationen Lehrer
pädagogisch handeln, etwa wenn Schüler Aggressivität zeigen oder im Spiel
foulen. "Die Schüler sollen dann zum Beispiel in dem von uns entwickelten
Fragebogen die Frage beantworten: Wie reagiert der Lehrer, wenn wir uns unfair
verhalten?", sagt Hoffmann. Die Schüler würden ihre Antworten weniger
verfälschen als die Lehrer. "Die Sympathie zum Lehrer spielt wohl eine Rolle,
doch sie ergibt sich hauptsächlich aus seinem Verhalten", sagt der
Wissenschaftler. Durch eine statistische Auswertung will er vermeiden, dass
Einzelmeinungen unter den Schülern zu großes Gewicht verliehen wird.
In ihrer Hauptstudie setzen die Tübinger Sportwissenschaftler zwei
Fragebögen ein. Im ersten Fragebogen wurde die Wahrnehmung fachdidaktischer
Aspekte erhoben. "Da geht es zum Beispiel darum, wie Kraft und Beweglichkeit im
Schulsport geschult werden, die Anregung zu außerschulischem Sport oder ob und
wie der Einzelne Förderung durch den Sportlehrer wahrnimmt", erklärt Hoffmann.
Diese Aspekte haben die Forscher bei rund 1100 zehn bis 19 Jahre alten
Jugendlichen aus verschiedenen Kontexten erfragt. "Hätten wir eine einzelne
Schule mit rund 20 Lehrern dafür ausgesucht, wäre die Aussagekraft gering
gewesen. So haben wir Jugendliche von gut 200 Schulen mit entsprechend vielen
Lehrern in die Studie einbezogen", beschreibt der Forscher die Vorgehensweise.
Der zweite Fragebogen zu erzieherisch relevanten Normen, die von Sportlehrern
vermittelt werden, wurde über die Schulen an die Schüler verteilt: An drei
Hauptschulen, drei Gymnasien, drei Realschulen sowie drei Sportförderschulen
erhielten ihn insgesamt 4700 Schüler der 5. bis 13. Klassen. Diese Studie läuft
noch, doch erste Ergebnisse werden deutlich: "Die fachdidaktischen Modelle
werden von den Schülern nicht so stark wahrgenommen, dagegen das erzieherische
Eingreifen der Lehrer aber durchaus. Die vom Lehrer vermittelten Normen werden
im Schulsport recht stark wahrgenommen", sagt Hoffmann. Er setzt jedoch hinzu:
"Die Schüler nehmen die Erwartung wahr, wie sie sich verhalten sollen. Ob sie
sich daran halten, muss noch in weiteren Auswertungen überprüft
werden."
Bei der Auswertung der Frage, wer im Leben der Schüler ihre
Sportsozialisation nach eigener Einschätzung am meisten beziehungsweise wenig
beeinflusst, schnitten die Schulsportlehrer schlecht ab. Deutlich größeren
Einfluss haben danach Freunde, welche die Schüler aus dem Vereinssport kennen,
die Trainer oder Übungsleiter und die Eltern. "Dennoch erweist sich der
Einfluss des Schulsportlehrers in einer Folgestudie mit knapp 1800 Schülern als
vergleichsweise hoch", sagt Hoffmann. Denn die Normen würden im Sport - auch im
Fächervergleich mit Mathematik und Deutsch - recht gut wahrgenommen. "Durch den
Schulsport lässt sich viel erreichen", fasst Hoffmann zusammen. Bei parallel
laufenden Untersuchungen im Vereinsbereich hat der Forscher festgestellt, dass
ein enger Zusammenhang besteht zwischen der Normenvermittlung der Übungsleiter
und der Verhaltensabsicht der Jugendlichen. "Der Zusammenhang lag bei 30
Prozent. Das ist sehr hoch, da das Verhalten von sehr vielen Aspekten
beeinflusst wird", sagt Hoffmann. Übungsleiter seien vor allem bei den Kindern
und jüngeren Jugendlichen große Vorbilder - auch über den Sport hinaus. Der
Sportwissenschaftler hält jedoch wenig davon, den Sportunterricht an der Schule
in die Hände von Übungsleitern oder Trainern zu geben. "Im Verein treiben die
Jugendlichen in relativ kleinen Gruppen freiwillig eine Sportart, die sie
gewählt haben. In der Schule sind dagegen in großen Gruppen auch diejenigen
dabei, die kein Talent oder keine Lust haben. Es entspräche nicht dem
Erziehungsauftrag der Schulen, diese Schüler mit pädagogisch wenig
qualifizierten Übungsleitern zu konfrontieren."
Schulsportlehrer, sagt Hoffmann, können neben sportlichen Übungen eine ganze
Bandbreite an weiteren Themen vermitteln. "Die Konsequenzen aus diesem Ergebnis
haben auch eine politische Dimension", findet er. "Es lässt sich zeigen, dass
der Sportunterricht auch sonst für die Erziehung und Wertevermittlung eine
Rolle spielt." Wie viel Einfluss der Sportunterricht bei der Normenvermittlung
habe, hänge auch an der Zahl der Unterrichtsstunden: In drei Stunden Unterricht
pro Woche werden die zu vermittelnden Normen deutlicher wahrgenommen als in
zwei Stunden. Die Bildungspolitik lässt sich jedoch nach Hoffmanns Einschätzung
kaum von der erziehungswissenschaftlichen Forschung beeinflussen. "Studien
werden eher nur dann auf der Ebene der Bildungspolitik angenommen, wenn sie die
bisherige Richtung bestätigen", sagt er. Seine Ergebnisse könne er aber auf
Kongressen an Sportlehrer weitergeben und sie als Dozent im
Sportlehramtsstudium seinen Studenten vermitteln.
Nähere Informationen:
Dr. Andreas
Hoffmann
Institut für Sportwissenschaft
Wilhelmstraße 124
72074
Tübingen
Tel. 0 70 71/2 97 20 77
Fax 0 70 71/29 2634
E-Mail andreas.hoffmann@uni-tuebingen.d
e
Der Pressedienst im Internet: http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html

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