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Begann die Zeit wirklich erst mit dem Urknall?
Auf der Suche nach Spuren einer kosmischen Vorzeit

Gab es das Universum schon vor dem Urknall – vor dem Nullpunkt von Zeit und Raum, vor dem Startpunkt jener gigantischen Explosion, mit deren Fragmenten wir durch das expandierende All rasen? Noch vor einem Jahrzehnt waren die meisten Kosmologen überzeugt, die Frage nach einer „Zeit vor der Zeit“ sei ebenso sinnlos wie die Suche nach einem Ort nördlich des Nordpols. Doch neuere Entwicklungen in der Theoretischen Physik, insbesondere die Stringtheorie, haben den Blickwinkel verändert: Das Universum vor dem Urknall ist heute ein respektabler Forschungsgegenstand.



Die Stringtheorie entstand aus einem Modell, das Gabriele Veneziano, Theoretischer Physiker am europäischen Forschungszentrum Cern bei Genf, bereits 1968 aufgestellt hatte – eigentlich, um die Teilchen im Atom­kern zu beschreiben. Wie er in der August-Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft berichtet, wurde sein Modell zunächst verworfen und erst viel später als aussichtsreicher Kandidat für die Vereinigung von Relativi­täts- und Quantentheorie wieder hervorgeholt.

 

Die Stringtheorie besagt, dass die fundamentalsten Teilchen nicht punkt­förmige Gebilde sind, sondern unendlich dünne Fäden (englisch strings). Werden die Regeln der Quantenmechanik auf einen vibrierenden String angewendet – der einer winzigen Violinsaite gleicht, nur breiten sich die Schwingungen darauf mit Lichtgeschwindigkeit aus –, so tauchen völlig neue Eigenschaften auf. Sie alle weisen in eine bestimmte Richtung: Strings verabscheuen Unendlichkeit.

 

Das hat Folgen für die Kosmologie. Geht man in der Geschichte des Uni­versums immer weiter zurück, so nimmt die Krümmung der Raumzeit immer mehr zu. Doch gemäß der Stringtheorie wird die Krümmung nie un­endlich groß wie bei der traditionellen Urknall-Singularität, sondern erreicht schließlich ein Maximum und sinkt wieder ab. Bevor es die Stringtheorie gab, konnten die Physiker sich keinen Mechanismus vorstellen, der die Singularität so glatt eliminiert. Doch nun wagen die Stringtheoretiker Hypothesen über das Universum vor dem Urknall.

 

Ein Modell, das Veneziano 1991 mitentwickelt hat, heißt Prä-Urknall-Szenario. Es besagt, dass das Universum beispielsweise fünf Sekunden vor dem Urknall gleich schnell expandierte wie fünf Sekunden danach. Allerdings änderte sich die Expansionsgeschwindigkeit in den beiden Augenblicken in entgegengesetzter Weise: Wenn sie sich nach dem Ur­knall verlangsamte, so beschleunigte sie sich davor. Demnach war der Ur­knall nicht der Beginn des Universums, sondern bloß ein heftiger Tempo­wechsel der kosmischen Expansion.

 

Haben solche Modelle überhaupt beobachtbare Konsequenzen? Auf den ersten Blick wirken die Szenarien eher wie Metaphysik – interessante Ideen, die sich empirisch weder beweisen noch widerlegen lassen. Doch eine Epoche vor dem Urknall könnte winzige Spuren am Himmel hinter­lassen, insbesondere in den winzigen Unregelmäßigkeiten, die in der Temperatur des kosmischen Mikrowellenhintergrunds gemessen werden.

 

Die Analyse der Hintergrundstrahlung ist aber nicht die einzige Möglich­keit, die neuen Theorien zu überprüfen. Künftige Gravitationswellen-Detektoren könnten Spuren aus der Zeit vor dem Urknall finden; und auch großräumige Magnetfeld-Fluktuationen aus der kosmischen Vorzeit lassen sich vielleicht in den galaktischen und intergalaktischen Magnetfeldern nachweisen.

 

Somit gibt es prinzipiell überprüfbare Theorien, denen zufolge das Univer­sum – und mit ihm die Zeit – schon lange vor dem Urknall existiert hat. Falls eines dieser Szenarien zutrifft, gab es den Kosmos schon immer – und selbst wenn er eines fernen Tages wieder kollabiert, wird er ewig fort­bestehen.

 

Spektrum der Wissen­schaft August 2004

Text auch zum Download unter www.spektrum.de/presse mit dem Benut­zernamen „journalist“ und dem Passwort „heidelberg“.


 
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