Sieben mit Filzstift geschriebene Buchstaben zeugen vom neuen Eigentümer des Hauses in der Springerstraße 5. Ein unscheinbarer Zettel mit der Aufschrift «SCHWIND» klebt über dem Klingelschild «TÜBKE». Auch wenn im Inneren der für den Altmeister der Leipziger Schule typische Geruch von Pfeifentabak längst abgezogen ist, erinnert vieles an das jahrzehntelange Schaffen.
Das einstige Wohn- und Esszimmer mit stuckverzierter Decke und bernsteinfarbenem Parkett im Erdgeschoß wird künftig das Herzstück der Galerie, in der bis Mitte September zunächst ein Querschnitt Tübkes Wirken mit Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden abgebildet wird. Schauen des Berliner Bildhauers Werner Stötzer und des Malers Gero Künzel folgen, aber auch Werke von Wolfgang Mattheuer und Arno Rink könnten bald dort hängen.
Im ersten Stock wird bis Herbst die noch zu gründende Tübke-Stiftung einziehen, das Atelier unterm Dach soll später jungen Künstlern oder Stipendiaten für Arbeitsaufenthalte dienen. «Das Haus soll der Kunst erhalten bleiben», sagt Schwind. An seinem Leipziger Hauptstandort will er künftig Arbeiten des kritischen Realismus und der Leipziger Schule zeigen, in Frankfurt/Main eher junge Vertreter.
Fern des klassischen «white cube» will Galerist Schwind die Erinnerung an jenen Maler wach halten, der bis kurz vor seinem Tod am 27. Mai 2004 ein gewaltiges Oeuvre geschaffen hatte. Berühmt machte ihn das weltweit größte mit Pinsel und Palette hergestellte Rundgemälde zum deutschen Bauernkrieg 1525 auf dem einstigen Schlachtfeld hoch über Bad Frankenhausen - geschaffen in zwölfjähriger Arbeit im Auftrag der SED.
Nach der Wende hatte Tübke die in der DDR erhaltenen Staatspreise zurückgegeben und das damit verbundene Geld gespendet. Er wollte - ebenso wenig wie Zeitgenosse Bernhard Heisig - kein Staatsmaler sein. Bundeskanzler Gerhard Schröder bezeichnete Tübke zuletzt als «einen sensiblen, bildgewaltigen Künstler, in dessen Werk Realismus, Phantastik und magische Verfremdung virtuos ineinander verwoben sind». Das Vermächtnis des prominenten Ostmalers will auch Witwe Brigitte mit einer Werner-Tübke-Stiftung aufrechterhalten. «In 50 oder 100 Jahren sollen unsere Nachfahren noch sehen, was er alles geleistet hat».
Den Grundstock dafür will sie aus dem Nachlass stiften, auch wenn noch nicht alle Erbschaftsfragen geklärt sind. «Die Stiftung in enger Verbindung mit der Stadt ist angeschoben. Ich bin zuversichtlich, dass wir bald zu einem Ergebnis kommen», sagt sie. Neben den Werken ihres Mannes will die Witwe, die eine moderne Stadtwohnung bezogen hat, Tübkes Lebensalltag abbilden. «Es war der Wunsch meines Mannes, dass seine gesamte Kunst zusammenbleibt. Dies will ich ihm soweit wie möglich erfüllen.» Abgesehen vom persönlichen Archiv mit Dokumenten, Ausstellungskatalogen und Reproduktionen, dass er zu Lebzeiten dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg übereignete, bleiben in Leipzig der private Briefwechsel sowie zahlreiche Tagebücher. «Genügend Stoff für Kunsthistoriker», meint Schwind.


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