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Warum die Russen den Serben helfen

von Andrej Petscherski, Chefredakteur der orthodoxen Zeitung "Rus derschawnaja"). Dieser Tage habe ich Georgi Poltawtschenko, Präsidentenbeauftragter im Zentralen Föderationsbezirk, interviewt.



Er hat mir mitgeteilt, dass in einer Sitzung des Bezirksrates beschlossen wurde, dass alle zum Bezirk gehörenden 18 Föderationsmitglieder, 18 Gebiete im Herzen Russlands, dem Volk Serbiens finanzielle Hilfe erweisen werden.

Es handelt sich dabei nicht um die humanitäre Hilfe, die unsere Regierung bereits an die serbischen Flüchtlinge geschickt hat, die bei der jüngsten Gewaltwelle in der Provinz Kosovo aus ihren Häusern vertrieben worden waren. Mehrere Flugzeuge mit Hilfsgütern wurden vom Katastrophenschutzministerium nach Belgrad geschickt, Minister Sergej Schoigu hat die Lieferung persönlich begleitet. Dies war aber eine dringende und außerordentliche Situation. Die Initiative des Zentralen Föderatonsbezirks ist etwas anders: Es wurde beschlossen, einen effektiveren Weg zu gehen, nämlich Geld zu sammeln, was jetzt getan wird, und dieses nach Serbien zu überweisen, denn es ist wesentlich billiger, Lebensmittel und vieles andere an Ort und Stelle zu kaufen. Die Mittel werden dem serbischen Staat zur Unterstützung der Hunderttausend Serben übergeben, die seit langem, Jahr für Jahr, allmählich aus ihren Häusern in der Provinz Kosovo vertrieben werden.

Dies ist keine staatliche Initiative, sie geht eigentlich vom Volk aus und wird von einigen Politikern persönlich unterstützt, was offenbar für unsere Regierung günstiger ist. Die Politiker - im wahrsten Sinne dieses Wortes, brauchen das auch dafür, dass die Menschen und die menschlichen Seelen dank dieser Initiative besser werden.

Uns kommt der Tod nicht mehr als etwas Tragisches vor, denn wir nehmen ihn durch das Prisma der zahllosen Fernsehserien oder Fernsehnachrichten über bestellte Morde bzw. Krisen in verschiedenen Regionen der Welt wahr. Wir ziehen bereits keine Grenze mehr zwischen dem Tod von Filmfiguren und von realen Menschen auf dem Bildschirm. Vielleicht wird aber bei den Menschen auf dem Wege der Unterstützung des Brudervolkes auch Mitgefühl und der Wunsch erwachen, dem Nächsten zu helfen? Ohne dies kann eine menschliche Seele kaum existieren. Mir gefällt es außerordentlich, dass die Staatsmänner und Beamten auch nicht abseits stehen wollen, obgleich sie von niemandem zu einer Beteiligung verpflichtet werden.

Die Idee des Geldspendens kam, wie gesagt, absolut frei. Interessanterweise wurde sie aber sofort von einer Mehrheit im Bezirk unterstützt. Poltawtschenko erwähnte außerdem in unserem Gespräch, er wolle sich jetzt an das gesamte russische Volk wenden, damit jeder und jede, die nach ihren Kräften helfen können, dafür spenden.

Ein weiteres Beispiel: Die Stiftung des Heiligen Apostels Andreas des Erstgerufenen, eine nichtstaatliche, gesellschaftliche Institution, befasst sich mit dem serbischen Problem im Rahmen der Volksdiplomatie. Zum letzten Weihnachten reiste eine durchaus angesehene Delegaton aus Russland unter Leitung des Präsidenten der Stiftung, Alexander Melnikow, nach Serbien. Der Delegation gehörten Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie eine Gruppe von Journalisten an. Sie trafen mit der Führung des Landes und mit Hierarchen der Serbischen Orthodoxen Kirche zusammen. Darüber hinaus reisten sie in die Provinz Kosovo. Während ihres einwöchigen Aufenthaltes haben sie natürlich vieles mit eigenen Augen gesehen: zerstörte Siedlungen und Kirchen wie auch ermordete Serben. Albaner haben den Bus der Delegation mit Steinen attackiert. Das war noch vor dem Pogrom im Kosovo gewesen, von dem die Welt erfahren hat.

Insofern wissen die Russen über Serbien und die Serben nicht von ungefähr mehr als viele andere Nationen. Eine wirklich starke Unterstützung für Serbien kommt aus der Tiefe des russischen Volkes.

Was verbindet uns? Warum helfen wir in der Welt, die voll von Leiden ist, ausgerechnet Serbien? Ich würde vom religiösen Standpunkt zur Situation beginnen. Die Serben sind ein Volk, das mit uns verwandt ist, sie sind unsere orthodoxen Glaubensbrüder. Dieses Volk ist nicht sehr groß, es wurde jahrhundertelang verfolgt und hat in seiner Geschichte vielleicht sogar mehr erleben müssen als unser Volk. Traditionsgemäß besteht Russland - ob wir es wollen oder nicht, ob wir davon sprechen oder nicht - zu 85 Prozent aus Orthodoxen. Unsere gemeinsamen Traditionen prägen natürlich unsere Beziehungen mit. Ja, wir unterstützen die Serben, weil sie unsere Brüder sind. Weil sie orthodox sind. Ja, wir unterstützen sie, weil wir uns selbst gut daran erinnern, wie vor nicht allzu langer Zeit Kirchen und Klöster auch bei uns zerstört wurden. Und wenn wir jetzt sehen, wie vor den Augen der Welt innerhalb einer Woche mehr als 30 orthodoxe Heiligtümer, und zwar nicht etwa neu gebaute Kirchen, sondern historische Denkmäler und ein Teil des Schatzes der Weltkultur, vernichtet wurden - da können wir nicht gleichgültig sein.

Bedauerlicherweise achten in der restlichen Welt nicht sehr viele auf diese religiöse Verbindung zwischen unseren Völkern. Das ist aber ein Fehler.

Zwischen uns liegen mehr als 1000 Kilometer. In einem orthodoxen Gymnasium, das mein Sohn besucht, lernen die Kinder Serbisch. Sie ehren den Heiligen Sawwa von Serbien. Anfang des Jahres wurden die Gymnasiasten zu einem Treffen in die Botschaft Ex-Jugoslawiens eingeladen. Dort waren Serben und Einwohner von Montenegro anwesend. Sie waren gekommen, um mit den Kindern in einer Sprache zu sprechen, die die Kinder übrigens sehr mögen. Im Sommer reisen mein Sohn und seine Mitschüler für einen Monat nach Serbien. Dort werden sie gut aufgenommen. Sie besichtigen das Land und schließen neue Freundschaften. Was die Erwachsenen anbelangt, so haben beim jüngsten Konflikt Freiwillige von uns auf der Seite der Serben gekämpft und auch ihr Leben geopfert. Ich habe nicht gehört, dass sie dafür viel Geld bekommen hätten - als Söldner kann man sie jedenfalls nicht bezeichnen. Selbst in jenen Jahren hat es in Russland Möglichkeiten gegeben, einfacher und bestimmt auch unter geringerer Lebensgefahr Geld zu verdienen. Das bedeutet, dass irgendeine innere Feder die Menschen dazu treibt, in ein fremdes Land zu gehen und dort für ein fremdes Volk zu sterben. Dies sind überaus ernsthafte Taten.

Seit langem besteht eine Gesellschaft für russisch-serbische Freundschaft. Ich weiß, dass sie die Entwicklung von Kontakten zwischen unseren beiden Völkern energisch fördert. Delegationen reisen ständig in beide Richtungen.

Was das Unternehmertum anbelangt, so gibt es serbische Unternehmer von internationalem Niveau, die in Moskau und in russischen Großstädten ihren Sitz haben. Ein Beispiel: Die bekannte Unternehmensgruppe der Brüder Karic. Sie sind bereits seit Jahrzehnten auf dem russischen Markt präsent. Die Situation in ihrem Land hindert sie daran, in der Heimat zu arbeiten. Ihrem Volk helfen sie aber, auch wenn sie sich in Russland befinden. Ich traf mich auch mit einem Unternehmer aus dem Pharma-Geschäft, dessen Firma sich in Frankreich befindet, während er hauptsächlich in Russland tätig war. Solche Unternehmer gibt es viele.

In den Neunzigerjahren haben sehr viele Jugoslawen auf Moskauer Baustellen gearbeitet. Damals flüchteten sie vor der Arbeitslosigkeit sowie der Krise der Kriegszeit und den internationalen Sanktionen.

Zwischen uns bestehen also viele Beziehungen, und diese sind fest.

Es gibt hier noch ein wichtiges Moment, das außerhalb Russlands oft nicht berücksichtigt wird, was zu Problemen führt. Ich habe schon gesagt, dass die Unterstützung für die Serben aus der Tiefe des russischen Volkes kommt. Aber bei einem bestimmten Teil unserer Bevölkerung verstehen viele nicht, was an Serbien Besonderes ist. Nicht selten sind es aber auch Menschen, für die es aus einem einleuchtenden Grund einfacher ist, mit Ausländern zu sprechen - weil sie einfach Fremdsprachen beherrschen. Dann entsteht im Westen der Eindruck, dass die Russen keine besondere Beziehung zu den Serben haben. Das ist aber ein großer Fehler.

Diejenigen, die nur großes Geld verdienen wollen, sind gegenüber den Leiden anderer Menschen gleichgültig. Wozu brauchen diese Leute ein Serbien, Flüchtlinge und die Waisen in den Kinderheimen. Nirgendwo im Westen hat diese Psychologie der bei uns im Nu entstandenen Konsumgesellschaft derart perverse Formen wie hier, in Russland. Nachdem die Menschen ein Auto und eine Datscha gekauft haben, wissen sie einfach nicht, wofür sie Geld noch ausgeben sollen, weil sie keine Interessen haben. Sie leben nur für sich. Und die Beherrschung von Fremdsprachen sowie ein oder zwei Hochschulabschlüsse helfen dabei wenig.

Ein Mensch aber, der nicht einmal in die Kirche geht, aber, wie er sagt, in seiner Seele gläubig ist, wird unbedingt zu einem Patrioten und einem Verteidiger Serbiens. Für die orthodoxe Intelligenz und noch Millionen anderer Russen ist alles, was in Serbien geschieht, sehr aktuell.

Die Serben sagen oft selbst: Das, was mit uns heute geschieht, wird morgen mit euch geschehen. Die Serben sind ein unabhängiges und freiheitsliebendes Volk, sie werden sich mit der Lage einer unterjochten Nation kaum jemals abfinden wollen. Und die Technologien, die die NATO an Serbien trainiert, können zu jedem Zeitpunkt gegen uns angewendet werden. Die NATO steht ja bereits vor unserer Tür und an unseren Grenzen. Und wenn man sagt, dass wir heute mit der NATO auf ewig befreundet sind, so ist das eine Illusion: Alles bleibt beim Alten, und das Beispiel Serbiens ist ein Beispiel dafür, sowohl 1999 als auch heute.

Die Serben haben den Abzug des russischen Kontingents aus der Provinz Kosovo als Verrat bewertet. Viele Tragödien sind geschehen, gerade nachdem wir unser Kontingent abgezogen haben. Ganz am Anfang waren dort aber unsere Soldaten als Befreier aufgenommen worden. Die Russen sind stets für ihre serbischen Brüder ins Feld gezogen. Jetzt aber, so sagt man uns, habt ihr uns erstmals in der Geschichte im Stich gelassen.

Früher oder später werden wir Russen zu einer Einigung in der Gesellschaft und auch zu einem einheitlichen Standpunkt dazu kommen, was mit uns und außerhalb Russlands geschieht. Bereits heute unternimmt die Führung unseres Landes große Anstrengungen, um das Problem Serbiens und der Provinz Kosovo zu lösen. Auf höchster Ebene steht diese Frage immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Dies rehabilitiert uns einigermaßen für die Fehler der früheren Staatsführung. (RIA)

http://russlandonline.ru/mainmore.php?tpl=Verschiedenes&iditem=424


 
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