Stimmt es, dass
Kinder häufiger körperliche Defizite haben, und woher kommt das?
Ja, die
Beobachtung machen wir schon lange und haben auch schon oft darauf hingewiesen.
Es gibt einige Verdachtsmomente: Kinder spielen seltener draußen, sie sitzen
viel mehr vor dem Fernseher oder vor den Computerspielen, und viele
Spielplatzangebote sind weggefallen.
Wie wirkt sich das im
Sportunterricht aus?
Viele Grundschulkinder können bekanntlich nicht mehr
rückwärts laufen. An den Grundschulen gibt es viel zu wenig ausgebildete
Sportlehrkräfte, die dritte Sportstunde fällt zu einem Drittel aus. In Zukunft
gibt es die Fächerverbünde. Da kann man sich ausrechnen wie viel für den Sport
übrig bleibt, wenn Sportlehrkräfte Mangel sind. Ausfallen tut dann nichts, weil
man in dem Verbund beliebig verschieben kann.
Sind Kinder zu dicke
Bewegungsmuffel mit schlechter Haltung?
Pauschal wehre ich mich ein
bisschen gegen diese Aussage, weil sie nicht auf alle zutrifft. Aber wir
beobachten wirklich schon seit vielen Jahren, dass die Zahl derer, die
Übergewicht haben, zunimmt, dass die Zahl derer, die koordinativ schlecht drauf
sind, auch zugenommen hat. Es gibt aber auch das andere Extrem: Die, die auf der
Skateanlage fahren, sind koordinativ gut dabei, sonst könnten sie das gar nicht.
Somit geht die Schere im Unterricht immer weiter auf. Die Gruppengröße ist so,
dass individuell differenzierter Unterricht nur ganz schwer möglich ist. Dazu
kommt, dass viele Kolleginnen und Kollegen in der Grundschule Sport fachfremd
unterrichten.
Es gibt Theorien, dass sich gute Bewegungsfähigkeit auch
auf die anderen schulischen Leistungen positiv auswirkt. Ist das so?
Ja,
das ist so. Das ist eine Uralterfahrung die man zwar noch nie so richtig
empirisch erhoben hat, aber die auch Sportmediziner immer betonen. Das fängt bei
Themen an wie weniger Aggression nach entsprechender Bewegung und geht so weit,
dass die schulischen Leistungen insgesamt besser werden, wenn Schüler mehr in
Bewegung sind. Die Berichte aus den Grundschulen, die das richtig machen, sind
durchweg positiv.
Reagieren die Schulen bereits?
Die Schulen
reagieren nur zum Teil, weil die Rahmenbedingungen die Sache bremsen. Das
Ministerium lobt, dass mehr als 300 Grundschulen 200 Minuten Bewegungszeit in
der Woche anbieten. Das stimmt, aber das sind nur etwa zehn Prozent aller
Grundschulen.
Sollte diese bewegungsfreundliche Grundschule ausgebaut
werden?
Auf jeden Fall. Dazu braucht es aber gut ausgebildete und vor
allem eine ausreichende Anzahl junger Kolleginnen und Kollegen, und es braucht
natürlich die entsprechenden Sportstätten.
Was müsste sonst noch
geschehen?
Vieles. Im Sportunterricht ist es zum Beispiel so wie in den
naturwissenschaftlichen Praktika. Wenn ich die mit 28 bis 33 Schülern machen
muss, dann sind sie lediglich Beschäftigungstherapie. Bei den Praktika kann man
eine Gruppe teilen. Das ist aus Sicherheitsgründen sinnvoll und gerechtfertigt.
Das Gleiche trifft beim Sport zu. Dann kann man sich differenzierter um die
Einzelnen kümmern, und die Übungsintensität ist höher.
Das heißt, man
braucht mehr Sportlehrer?
Ja. Vor allem, weil sich ältere Sportlehrkräfte
zunehmend zurückziehen und ihre anderen Fächer unterrichten. Der Sportunterricht
ist im Vergleich zum anderen Unterricht unheimlich belastend. Frauen hören damit
meist zwischen 45 und 50 Jahren auf, die Männer ab 50, 55.
Kommt der
Sport in der Schule zu kurz?
In vielen Schulen hat der Sport nicht den
Stellenwert, der ihm eigentlich zukommt. Wenn es darum geht,
Öffentlichkeitswirkung zu erzielen, dann ist der Sport gefragt, genauso wie
Orchester oder Theater. Die so genannten Hauptfächer stellen sich selten nach
außen dar. Wenn es darum geht, Aktionen mit der Schule zu machen, seien es
Schullandheimaufenthalte oder Kooperationen mit Vereinen, Aufführungen bei
besonderen Anlässen oder Wandertage, dann ist immer der Sport
gefragt.
Aktualisiert: 07.04.2004, 06:16
Uhr
Quelle: Stuttgarter Zeitung Online
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/709244


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