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"Sport hat nicht den richtigen Stellenwert"

Vorsitzender des Sportlehrerverbands: Bewegung baut Aggressionen ab und macht schlauer - Wer körperlich fit ist, ist auch geistig beweglich, sagt Wolfgang Sigloch im Gespräch mit Renate Allgöwer. Er ist seit 1990 Vorsitzender des Sportlehrerverbands mit 1300 Mitgliedern. Sigloch unterrichtet am Mössinger Quenstedt-Gymnasium Biologie, Sport und Ethik.



Stimmt es, dass Kinder häufiger körperliche Defizite haben, und woher kommt das?

Ja, die Beobachtung machen wir schon lange und haben auch schon oft darauf hingewiesen. Es gibt einige Verdachtsmomente: Kinder spielen seltener draußen, sie sitzen viel mehr vor dem Fernseher oder vor den Computerspielen, und viele Spielplatzangebote sind weggefallen.

Wie wirkt sich das im Sportunterricht aus?

Viele Grundschulkinder können bekanntlich nicht mehr rückwärts laufen. An den Grundschulen gibt es viel zu wenig ausgebildete Sportlehrkräfte, die dritte Sportstunde fällt zu einem Drittel aus. In Zukunft gibt es die Fächerverbünde. Da kann man sich ausrechnen wie viel für den Sport übrig bleibt, wenn Sportlehrkräfte Mangel sind. Ausfallen tut dann nichts, weil man in dem Verbund beliebig verschieben kann.

Sind Kinder zu dicke Bewegungsmuffel mit schlechter Haltung?

Pauschal wehre ich mich ein bisschen gegen diese Aussage, weil sie nicht auf alle zutrifft. Aber wir beobachten wirklich schon seit vielen Jahren, dass die Zahl derer, die Übergewicht haben, zunimmt, dass die Zahl derer, die koordinativ schlecht drauf sind, auch zugenommen hat. Es gibt aber auch das andere Extrem: Die, die auf der Skateanlage fahren, sind koordinativ gut dabei, sonst könnten sie das gar nicht. Somit geht die Schere im Unterricht immer weiter auf. Die Gruppengröße ist so, dass individuell differenzierter Unterricht nur ganz schwer möglich ist. Dazu kommt, dass viele Kolleginnen und Kollegen in der Grundschule Sport fachfremd unterrichten.

Es gibt Theorien, dass sich gute Bewegungsfähigkeit auch auf die anderen schulischen Leistungen positiv auswirkt. Ist das so?

Ja, das ist so. Das ist eine Uralterfahrung die man zwar noch nie so richtig empirisch erhoben hat, aber die auch Sportmediziner immer betonen. Das fängt bei Themen an wie weniger Aggression nach entsprechender Bewegung und geht so weit, dass die schulischen Leistungen insgesamt besser werden, wenn Schüler mehr in Bewegung sind. Die Berichte aus den Grundschulen, die das richtig machen, sind durchweg positiv.

Reagieren die Schulen bereits?

Die Schulen reagieren nur zum Teil, weil die Rahmenbedingungen die Sache bremsen. Das Ministerium lobt, dass mehr als 300 Grundschulen 200 Minuten Bewegungszeit in der Woche anbieten. Das stimmt, aber das sind nur etwa zehn Prozent aller Grundschulen.

Sollte diese bewegungsfreundliche Grundschule ausgebaut werden?

Auf jeden Fall. Dazu braucht es aber gut ausgebildete und vor allem eine ausreichende Anzahl junger Kolleginnen und Kollegen, und es braucht natürlich die entsprechenden Sportstätten.

Was müsste sonst noch geschehen?

Vieles. Im Sportunterricht ist es zum Beispiel so wie in den naturwissenschaftlichen Praktika. Wenn ich die mit 28 bis 33 Schülern machen muss, dann sind sie lediglich Beschäftigungstherapie. Bei den Praktika kann man eine Gruppe teilen. Das ist aus Sicherheitsgründen sinnvoll und gerechtfertigt. Das Gleiche trifft beim Sport zu. Dann kann man sich differenzierter um die Einzelnen kümmern, und die Übungsintensität ist höher.

Das heißt, man braucht mehr Sportlehrer?

Ja. Vor allem, weil sich ältere Sportlehrkräfte zunehmend zurückziehen und ihre anderen Fächer unterrichten. Der Sportunterricht ist im Vergleich zum anderen Unterricht unheimlich belastend. Frauen hören damit meist zwischen 45 und 50 Jahren auf, die Männer ab 50, 55.

Kommt der Sport in der Schule zu kurz?

In vielen Schulen hat der Sport nicht den Stellenwert, der ihm eigentlich zukommt. Wenn es darum geht, Öffentlichkeitswirkung zu erzielen, dann ist der Sport gefragt, genauso wie Orchester oder Theater. Die so genannten Hauptfächer stellen sich selten nach außen dar. Wenn es darum geht, Aktionen mit der Schule zu machen, seien es Schullandheimaufenthalte oder Kooperationen mit Vereinen, Aufführungen bei besonderen Anlässen oder Wandertage, dann ist immer der Sport gefragt.
 
Aktualisiert: 07.04.2004, 06:16 Uhr

Quelle: Stuttgarter Zeitung Online

http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/709244


 
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