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Hefeteig und Mandala

Fortbilden? Wozu das denn? Ich habe doch ein solides Referendariat in einem südlichen Bundesland durchlitten, pardon, absolviert! Eine solch gestrenge Zucht reicht für 50 Dienstjahre. Deswegen brauche ich auch keine pädagogischen Fachzeitschriften und Kongresse. Meine alten Arbeitsblätter, die sich vor 20 Jahren bewährt haben, benutze ich natürlich heute noch.



In Deutsch lese ich stets den „Schimmelreiter“ und den „Zerbrochenen Krug“, egal, welche Schüler erwartungsvoll vor mir sitzen.  Ab und zu klaue ich einem jüngeren Kollegen einen Übungsbogen zur Rechtschreibung, da sind immer so hübsche Bilder zum Ausmalen und Ausschneiden drauf.


Leider erwischt mich der Schulleiter eines Mittags, als ich gerade ins Strandbad eilen will. Er fuchtelt vorwurfsvoll mit einer Zeitung vor mir rum.  Darin steht, das deutsche Schulsystem kranke vor allem daran, dass sich verkalkte Lehrkräfte einfach nicht fortbilden wollen.  Bisher haben mich Fortbildungskurse wirklich nur peripher interessiert. Ich dachte, sie seien für frustrierte Hausmänner, Studienversager oder Quereinsteiger. Aber doch nicht für mich, die Perle der Gattung „Lehrer“.  Ich weiß schließlich alles (besser).


Mein Schulleiter erklärt: „Nächstes Wochenende findet das Seminar ‚ Methodenvielfalt und Sozialkompetenz’ statt. Der Schulrat wünscht ausdrücklich, dass ein Vertreter unserer Anstalt daran teilnimmt.“ Ich empfehle freundlich den Kollegen Wutzler und die Kollegin Külpmann, denen eine solche Fortbildung sehr gut tun würde. Aus sicherer Quelle weiß ich, dass sie an diesem Wochenende  in ein sächsisches Romantikhotel fahren wollen.  Allerdings ohne ihre jeweiligen Ehepartner. Doch der Schulleiter knurrt nur: „ Es wird Zeit, dass Sie sich mal freiwillig zu einer Fortbildung melden!“ und schwenkt bedeutungsvoll die Ergebnisse meiner letzten Deutschklausur. Schweren Herzens verzichte ich auf den geplanten Opernbesuch, die Weinverkostung und den Segeltörn und mache mich auf den Weg zur Heimvolkshochschule Unterdüren.


Am Vollwert-Büffet treffe ich auf Heerscharen knabbernder Kollegen und Kolleginnen. Der eiserne Wille zur Innovation funkelt in ihren Augen. Unser Kursleiter – „Ich bin der Jochen“ – empfängt uns mit Frohsinn und Namensschildern, die wir uns anstecken müssen. Er heißt uns, Paarformationen zu bilden. Da ich nicht gleich lossprinte, muss ich mich mit einem faden Werner, Oberstudienrat aus Wanne-Eickel, paaren. Der knackige Referendar mit dem Pferdeschwanz, der mir eher zugesagt hätte, geht derweil hilflos in einem Haufen verklärt blickender Lehrerinnen unter, bevor ihn Kursleiter Jochen einer reservierten Montessori-Pädagogin zuführen kann. Die Partner sollen sich zum Kennenlernen innig umarmen und danach einander den Rücken warm trommeln. Zögernd schlage ich auf Werners Hohlkreuz ein, während er in  sein Trommeln all die Frustrationen legt, die sich bei ihm nach den vielen feindseligen Publikationen über Lehrer angestaut haben. Ich beiße die Zähne zusammen und versuche, aufkommende Rachegedanken zu verdrängen.  Meine Freunde in Berlin segeln gerade auf dem Wannsee.


Ich hingegen muss in einem Stuhlkreis Platz nehmen, die Augen schließen, die Hände auf den Bauch legen und in mich hineinhören. Außer dem Grummeln durch die ungewohnten Vollkornbrötchen und Rohkostschnipsel höre ich nichts. Die anderen Teilnehmer  hören jedoch ganz viel und tragen es bedeutsam vor: ihre momentane Befindlichkeit und ihre Erwartungen an den Kurs. „Genau das erhoffe ich mir auch!“, schließe ich mich schnell den Worten meiner Vorrednerin an, die sich mehr Selbstkompetenz und Teamfähigkeit wünscht.


Nun sollen wir aufsagen, wie wir heißen, und bei unserem Namen eine typische Handbewegung machen. „Ich bin die Waltraut!“ verkündet ein quergestreiftes Schwergewicht und führt mit den Armen einen großen Kreis aus.  Nun müssen wir alle wiederholen „Ich bin die Waltraut“ und mit den Armen einen großen Kreis formen. Ich sehe mich verstohlen um, ob bei den anderen auch ein mokantes Lächeln aufblitzt, aber alle machen eifrig mit. Ich sage meinen Namen und tippe mir – destruktiv wie immer – mit dem Finger an die Stirn. Der Kursleiter mustert mich etwas traurig und teilt mir mit: „Das ist ein ganz wunderbares Kennenlernspiel für die Sekundarstufe! Man muss sich natürlich darauf einlassen können.“


Es gibt mir einen großen Ball, den wir uns mit der Frage „Was sind meine Stärken und  Schwächen?“ zuwerfen sollen.  Ich versuche, den knackigen Referendar mit dem Pferdeschwanz abzuschießen. Leider schnappt sich seine Nachbarin den Ball. Für deren Innenleben interessiere ich mich nun aber nicht sonderlich. „Ich bin die Jutta aus Darmstadt. Ich kann gut organisieren, bin offen und kontaktfreudig und kann mit Kritik umgehen. – Meine Schwächen? ... .... Also, ich habe bestimmt auch ganz viele Schwächen, aber die fallen mir jetzt gerade nicht so ein.  – Äh, ich bin vielleicht manchmal etwas zu emotional und spontan?“  Und „hups“ macht der Ball und fliegt durch die Scheibe. So kommt das viel versprechende Spiel zu einem abrupten Ende.


Nach dem Einsammeln der Scherben müssen wir mit einem Kissen reden.  Das hat  „Ich bin der Jochen“ aus der Gestalttherapie übernommen. Das Kissen ist der Schulleiter, dem wir jetzt mal ordentlich die Meinung sagen können. Jutta aus Darmstadt schlägt mit beiden Armen auf das Kissen ein und beschwert sich lautstark über die vielen Schikanen und Vertretungsstunden, während Werner aus Wanne-Eickel das Kissen im Arm hält und ratlos streichelt. Ich habe noch nie mit einem Kissen gesprochen und erkläre, dass ich mit meinem Schulleiter nicht die geringsten Probleme hätte. Daraufhin soll ich das Kissen loben. Ich weigere mich. Der Kursleiter weist daraufhin, dass er die Fortbildungsbescheinigungen nur vergibt, wenn sich alle engagiert einbringen. Also gehe ich zu dem roten Kissen und murmele: „Ist schon okay, wie Sie das alles hinkriegen. Ich möchte kein Schulleiter sein. Schönen Dank, dass ich zu der Fortbildung fahren durfte.“


Nach einem gesunden Essen – Kohlrabischnitzel an Karottenkegeln – geht es weiter. Jeder bekommt einen Gruppen-Arbeitsauftrag und muss seine Teamer dazu selber aufspüren. Ich wandere durch den Saal und suche mindestens zwei Kollegen, die an einer Katzenallergie leiden und Vegetarier sind. Mit denen soll ich ein Cluster zum Thema „Der pädagogische Visionär“ herstellen. Dazu schreiben wir wichtige Begriffe auf Packpapierbogen. Anschließend verbinden wir alles mit Pfeilen und bekleben mit unseren Plakaten die Wände.


Unsere Nachbargruppe bastelt Mobiles. Die Begriffe, die daran hängen sollen, müssen äußerst sensibel ins Gleichgewicht gebracht werden: z.B. Motivationsschub, Zeithaushalt, Entgrenzung,  Selbstevaluation und Schulphobie. Werner aus Wanne-Eickel fertigt mit seinem Team kleine Kartons an, in die wir später unsere Sorgen und Nöte in Zettelform abladen können. Die Gruppe mit der spontanen Jutta übt sich im „stillen Dialog“. Keiner darf reden, dafür schreiben sie um die Wette tiefgründige Gedanken ans Flipchart. Das Thema bleibt etwas unklar. Der Kursleiter zeichnet alle Aktivitäten mit der Videokamera auf und gibt zwischendurch stumme Impulse. Bei den Mobiles nickt er zustimmend, dem eifrigen Werner legt er anerkennend die Hand auf die Schulter, bei meiner Gruppe zieht er die Augenbrauen leicht hoch.  Er hat wohl meine Stichwörter  „Methodenschwachsinn“ und „Pillepalle“ entdeckt.


Anschließend stellen wir unsere Ergebnisse vor. Eine Gruppe hat ein schönes Standbild aus ineinander verknoteten Personen gebildet. Leider kommt keiner darauf, dass dieses Monument die Zerrissenheit des modernen Pädagogen darstellt.  Wir tippen eher auf  Schulhofprügelei oder Computer-Verkauf bei Aldi. „Was macht das jetzt mit euch?“, fragt der Kursleiter das Standbild.  „Ich weiß nicht so genau,“ meint die Gruppensprecherin, „ich muss das erst mal sacken lassen. Wahrscheinlich frustriert es mich schon irgendwie.“ Die dicke Waltraut teilt mit, dass sie jetzt sehr betroffen ist.


„Machen wir schnell ein Blitzlicht. Jeder von euch erzählt, wie er sich gerade fühlt“, ordnet der Kursleiter ein.  Ich möchte meine schwarzen Gedanken nicht enthüllen und verdrücke mich nach draußen in die Raucher-Schmuddelecke. Dort treffe ich auf den Pferdeschwanz-Referendar, der seiner Arbeitsgruppe schon vor einer Stunde entflohen ist.  Sie sollten produktorientiert arbeiten und einen pädagogischen Hefezopf backen.  Dabei stehe jede Zutat sinnbildlich für eine Grundvoraussetzung erfolgreichen erzieherischen Handelns, klärt mich der junge Mann grinsend auf. Die Rosinen z.B. verkörpern die kreativen Momente im Schulalltag. Der Referendar hat sich eine Hand voll geklaut und gibt mir ein paar ab. Wir beide wissen zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass zum Seminarausklang alle Teilnehmer ein Stück vom Hefeteig mitnehmen müssen. Den kann man durch Anreichern von Eiern und Milch noch jahrelang am Leben halten und als Symbol gemeinsamen Strebens und Wirkens an reformresistente Kollegen und Kolleginnen weiterreichen.


„Ich bin der Jochen“ gibt mir mein Teilnahmezertifikat nur widerstrebend. „Du musst noch viel an deiner Selbstkompetenz arbeiten. Wie willst du die Kinder gewinnen, wenn du soviel Ironie und Abwehr in dir trägst? Ich könnte dir eine gute Atemtherapie empfehlen, damit du zu deinen inneren Widerständen vordringst.“  Blödmann. Wie kann man nur ein solches Sendungsbewusstsein haben. Er gibt mir viele schöne Prospekte mit. Zum Beispiel  Reinkarnationstherapie auf Kuba. Vielleicht könnten wir das als Kollegiumsfortbildung machen...Der Schulleiter wird über diesen Vorschlag begeistert sein!  Und erst über den pädagogischen Hefeteig und das schöne Gruppenmandala!


„Nun kann die nächste PISA-Studie kommen!“, jauchzt er und umarmt mich. Ich muss doch sehr bitten.

  

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Gabriele Frydrych

GFrydrych@aol.com

Dafür hast du also Zeit! Wenn Lehrer zu viel Spaß haben (Broschiert)

  • Verlag: Books on Demand; Auflage: 1 (Oktober 2006)
  • ISBN-10: 3833462698
  • ISBN-13: 978-3833462696
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