In Deutsch lese ich stets den „Schimmelreiter“ und den „Zerbrochenen Krug“, egal, welche Schüler erwartungsvoll vor mir sitzen. Ab und zu klaue ich einem jüngeren Kollegen einen Übungsbogen zur Rechtschreibung, da sind immer so hübsche Bilder zum Ausmalen und Ausschneiden drauf.
Leider erwischt mich der Schulleiter eines Mittags, als ich gerade ins
Strandbad eilen will. Er fuchtelt vorwurfsvoll mit einer Zeitung vor mir
rum. Darin steht, das deutsche Schulsystem kranke vor allem daran, dass
sich verkalkte Lehrkräfte einfach nicht fortbilden wollen. Bisher haben
mich Fortbildungskurse wirklich nur peripher interessiert. Ich dachte, sie
seien für frustrierte Hausmänner, Studienversager oder Quereinsteiger. Aber
doch nicht für mich, die Perle der Gattung „Lehrer“. Ich weiß schließlich
alles (besser).
Mein Schulleiter erklärt: „Nächstes Wochenende findet das Seminar ‚
Methodenvielfalt und Sozialkompetenz’ statt. Der Schulrat wünscht ausdrücklich,
dass ein Vertreter unserer Anstalt daran teilnimmt.“ Ich empfehle freundlich
den Kollegen Wutzler und die Kollegin Külpmann, denen eine solche Fortbildung
sehr gut tun würde. Aus sicherer Quelle weiß ich, dass sie an diesem
Wochenende in ein sächsisches Romantikhotel fahren wollen.
Allerdings ohne ihre jeweiligen Ehepartner. Doch der Schulleiter knurrt nur: „
Es wird Zeit, dass Sie sich mal freiwillig zu einer Fortbildung melden!“ und
schwenkt bedeutungsvoll die Ergebnisse meiner letzten Deutschklausur. Schweren
Herzens verzichte ich auf den geplanten Opernbesuch, die Weinverkostung und den
Segeltörn und mache mich auf den Weg zur Heimvolkshochschule Unterdüren.
Am Vollwert-Büffet treffe ich auf Heerscharen knabbernder Kollegen und
Kolleginnen. Der eiserne Wille zur Innovation funkelt in ihren Augen. Unser
Kursleiter – „Ich bin der Jochen“ – empfängt uns mit Frohsinn und
Namensschildern, die wir uns anstecken müssen. Er heißt uns, Paarformationen zu
bilden. Da ich nicht gleich lossprinte, muss ich mich mit einem faden Werner,
Oberstudienrat aus Wanne-Eickel, paaren. Der knackige Referendar mit dem
Pferdeschwanz, der mir eher zugesagt hätte, geht derweil hilflos in einem
Haufen verklärt blickender Lehrerinnen unter, bevor ihn Kursleiter Jochen einer
reservierten Montessori-Pädagogin zuführen kann. Die Partner sollen sich zum
Kennenlernen innig umarmen und danach einander den Rücken warm trommeln.
Zögernd schlage ich auf Werners Hohlkreuz ein, während er in sein
Trommeln all die Frustrationen legt, die sich bei ihm nach den vielen
feindseligen Publikationen über Lehrer angestaut haben. Ich beiße die Zähne
zusammen und versuche, aufkommende Rachegedanken zu verdrängen. Meine
Freunde in Berlin segeln gerade auf dem Wannsee.
Ich hingegen muss in einem Stuhlkreis Platz nehmen, die Augen schließen,
die Hände auf den Bauch legen und in mich hineinhören. Außer dem Grummeln durch
die ungewohnten Vollkornbrötchen und Rohkostschnipsel höre ich nichts. Die
anderen Teilnehmer hören jedoch ganz viel und tragen es bedeutsam vor:
ihre momentane Befindlichkeit und ihre Erwartungen an den Kurs. „Genau das
erhoffe ich mir auch!“, schließe ich mich schnell den Worten meiner Vorrednerin
an, die sich mehr Selbstkompetenz und Teamfähigkeit wünscht.
Nun sollen wir aufsagen, wie wir heißen, und bei unserem Namen eine
typische Handbewegung machen. „Ich bin die Waltraut!“ verkündet ein
quergestreiftes Schwergewicht und führt mit den Armen einen großen Kreis
aus. Nun müssen wir alle wiederholen „Ich bin die Waltraut“ und mit den
Armen einen großen Kreis formen. Ich sehe mich verstohlen um, ob bei den
anderen auch ein mokantes Lächeln aufblitzt, aber alle machen eifrig mit. Ich
sage meinen Namen und tippe mir – destruktiv wie immer – mit dem Finger an die
Stirn. Der Kursleiter mustert mich etwas traurig und teilt mir mit: „Das ist
ein ganz wunderbares Kennenlernspiel für die Sekundarstufe! Man muss sich
natürlich darauf einlassen können.“
Es gibt mir einen großen Ball, den wir uns mit der Frage „Was sind meine
Stärken und Schwächen?“ zuwerfen sollen. Ich versuche, den
knackigen Referendar mit dem Pferdeschwanz abzuschießen. Leider schnappt sich
seine Nachbarin den Ball. Für deren Innenleben interessiere ich mich nun aber
nicht sonderlich. „Ich bin die Jutta aus Darmstadt. Ich kann gut organisieren,
bin offen und kontaktfreudig und kann mit Kritik umgehen. – Meine Schwächen?
... .... Also, ich habe bestimmt auch ganz viele Schwächen, aber die fallen mir
jetzt gerade nicht so ein. – Äh, ich bin vielleicht manchmal etwas zu
emotional und spontan?“ Und „hups“ macht der Ball und fliegt durch die
Scheibe. So kommt das viel versprechende Spiel zu einem abrupten Ende.
Nach dem Einsammeln der Scherben müssen wir mit einem Kissen
reden. Das hat „Ich bin der Jochen“ aus der Gestalttherapie
übernommen. Das Kissen ist der Schulleiter, dem wir jetzt mal ordentlich die
Meinung sagen können. Jutta aus Darmstadt schlägt mit beiden Armen auf das
Kissen ein und beschwert sich lautstark über die vielen Schikanen und
Vertretungsstunden, während Werner aus Wanne-Eickel das Kissen im Arm hält und
ratlos streichelt. Ich habe noch nie mit einem Kissen gesprochen und erkläre,
dass ich mit meinem Schulleiter nicht die geringsten Probleme hätte. Daraufhin
soll ich das Kissen loben. Ich weigere mich. Der Kursleiter weist daraufhin,
dass er die Fortbildungsbescheinigungen nur vergibt, wenn sich alle engagiert
einbringen. Also gehe ich zu dem roten Kissen und murmele: „Ist schon okay, wie
Sie das alles hinkriegen. Ich möchte kein Schulleiter sein. Schönen Dank, dass
ich zu der Fortbildung fahren durfte.“
Nach einem gesunden Essen – Kohlrabischnitzel an Karottenkegeln – geht
es weiter. Jeder bekommt einen Gruppen-Arbeitsauftrag und muss seine Teamer
dazu selber aufspüren. Ich wandere durch den Saal und suche mindestens zwei
Kollegen, die an einer Katzenallergie leiden und Vegetarier sind. Mit denen
soll ich ein Cluster zum Thema „Der pädagogische Visionär“ herstellen. Dazu
schreiben wir wichtige Begriffe auf Packpapierbogen. Anschließend verbinden wir
alles mit Pfeilen und bekleben mit unseren Plakaten die Wände.
Unsere Nachbargruppe bastelt Mobiles. Die Begriffe, die daran hängen
sollen, müssen äußerst sensibel ins Gleichgewicht gebracht werden: z.B.
Motivationsschub, Zeithaushalt, Entgrenzung, Selbstevaluation und
Schulphobie. Werner aus Wanne-Eickel fertigt mit seinem Team kleine Kartons an,
in die wir später unsere Sorgen und Nöte in Zettelform abladen können. Die
Gruppe mit der spontanen Jutta übt sich im „stillen Dialog“. Keiner darf reden,
dafür schreiben sie um die Wette tiefgründige Gedanken ans Flipchart. Das Thema
bleibt etwas unklar. Der Kursleiter zeichnet alle Aktivitäten mit der
Videokamera auf und gibt zwischendurch stumme Impulse. Bei den Mobiles nickt er
zustimmend, dem eifrigen Werner legt er anerkennend die Hand auf die Schulter,
bei meiner Gruppe zieht er die Augenbrauen leicht hoch. Er hat wohl meine
Stichwörter „Methodenschwachsinn“ und „Pillepalle“ entdeckt.
Anschließend stellen wir unsere Ergebnisse vor. Eine Gruppe hat ein
schönes Standbild aus ineinander verknoteten Personen gebildet. Leider kommt
keiner darauf, dass dieses Monument die Zerrissenheit des modernen Pädagogen
darstellt. Wir tippen eher auf Schulhofprügelei oder
Computer-Verkauf bei Aldi. „Was macht das jetzt mit euch?“, fragt der
Kursleiter das Standbild. „Ich weiß nicht so genau,“ meint die
Gruppensprecherin, „ich muss das erst mal sacken lassen. Wahrscheinlich
frustriert es mich schon irgendwie.“ Die dicke Waltraut teilt mit, dass sie
jetzt sehr betroffen ist.
„Machen wir schnell ein Blitzlicht. Jeder von euch erzählt, wie er sich
gerade fühlt“, ordnet der Kursleiter ein. Ich möchte meine schwarzen
Gedanken nicht enthüllen und verdrücke mich nach draußen in die
Raucher-Schmuddelecke. Dort treffe ich auf den Pferdeschwanz-Referendar, der
seiner Arbeitsgruppe schon vor einer Stunde entflohen ist. Sie sollten
produktorientiert arbeiten und einen pädagogischen Hefezopf backen. Dabei
stehe jede Zutat sinnbildlich für eine Grundvoraussetzung erfolgreichen
erzieherischen Handelns, klärt mich der junge Mann grinsend auf. Die Rosinen
z.B. verkörpern die kreativen Momente im Schulalltag. Der Referendar hat sich
eine Hand voll geklaut und gibt mir ein paar ab. Wir beide wissen zu dem
Zeitpunkt noch nicht, dass zum Seminarausklang alle Teilnehmer ein Stück vom
Hefeteig mitnehmen müssen. Den kann man durch Anreichern von Eiern und Milch
noch jahrelang am Leben halten und als Symbol gemeinsamen Strebens und Wirkens
an reformresistente Kollegen und Kolleginnen weiterreichen.
„Ich bin der Jochen“ gibt mir mein Teilnahmezertifikat nur
widerstrebend. „Du musst noch viel an deiner Selbstkompetenz arbeiten. Wie
willst du die Kinder gewinnen, wenn du soviel Ironie und Abwehr in dir trägst?
Ich könnte dir eine gute Atemtherapie empfehlen, damit du zu deinen inneren
Widerständen vordringst.“ Blödmann. Wie kann man nur ein solches
Sendungsbewusstsein haben. Er gibt mir viele schöne Prospekte mit. Zum
Beispiel Reinkarnationstherapie auf Kuba. Vielleicht könnten wir das als
Kollegiumsfortbildung machen...Der Schulleiter wird über diesen Vorschlag
begeistert sein! Und erst über den pädagogischen Hefeteig und das schöne
Gruppenmandala!
„Nun kann die nächste PISA-Studie kommen!“, jauchzt er und umarmt mich.
Ich muss doch sehr bitten.
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Gabriele Frydrych
Dafür hast du also Zeit! Wenn Lehrer zu viel Spaß haben (Broschiert)


Österreich
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