Vom geheimen
Lehrplan zum modernen Bildungsplan
Schulische Praxis weicht
schon lange und zum Teil erheblich von geltenden Lehrplänen ab. Den weit
verbreiteten "geheimen Lehrplänen" einzelner Schulen wird durch wachsende
Spielräume in neueren Richtlinien und Lehrplänen (bzw. Bildungsplänen) und in
der Diskussion um die "Autonomie" der Schule nachträglich eine gewisse
Berechtigung verliehen. Bei aller Sorge um mögliche wirtschaftliche und soziale
Konsequenzen sowie einer personellen Überforderung liegen Vorteile durch die
größere Eigenständigkeit der einzelnen Schule auf der Hand: Die aus
ihrer
gewachsenen Struktur und Größenordnung sich ergebende potentielle
Diskursfähigkeit von Schule bietet gegenüber den bisherigen zentralen
Steuerungssystemen sehr viel bessere Möglichkeiten, gesellschaftlichen Wandel
und Vielfalt, wachsende wissenschaftliche Erkenntnisse und sich verändernde
Lernvoraussetzungen bei Schülerinnen und Schülern in der Bildungsplanung und
Unterrichtsgestaltung zu berücksichtigen.
Allgemeinbildende Schulen
stellen in unserer Gesellschaft, die sich in immer mehr Szenen, Milieus und
Lebenswirklichkeiten zergliedert, den vielleicht einzigen konsequenten Versuch
dar, eine immer komplexere Welt zu einem gerade noch überschaubaren Mikrokosmos
zu vereinfachen. Leben soll erlernbar sein. Dafür ist nicht nur die Wahrnehmung
von Veränderungen notwendig, sondern auch das Verständnis für Kinder und
Jugendliche, die die erforderlichen Kompetenzen für ihr zukünftiges Leben
entwickeln sollen. Forschungsinstitute, Automobilkonzerne, Krankenhäuser oder
Verlage haben es in dieser Hinsicht einfacher: Sie dürfen und müssen sich
spezialisieren. Schule ist der Ort, wo gesellschaftliche und wirtschaftliche
Entwicklungen, wissenschaftliche Erkenntnisse, Ängste, Hoffnungen und
Erwartungen von Menschen zusammentreffen und sich zu dem verbinden sollen, was
schlicht als Lernen bezeichnet wird.
An einem Abbild der
Lebenswirklichkeit zu lernen, lebensnah und - im Sinne einer nachhaltigen
Entwicklung - zukunftsorientiert zu sein, stellt große Anforderungen. Durchaus
nicht in allen Schulen begegnet man dem dafür erforderlichen
innovationsfreundlichen Klima. Schule war bisher kaum in den
Globalisierungsprozess eingebunden und hat auf ihn auch nur ansatzweise in der
Unterrichtsgestaltung Antworten gefunden. In anderen Bereichen, die stärker von
Risikobereitschaft und selbstorganisierten Lernprozessen bestimmt sind, wie
internationale Finanzgeschäfte, Handel, Tourismus, Sport, Informationsbusiness,
Entertainment (und auch organisierte Kriminalität), ist das ganz
anders.
Schulische Projekte, die einen engagierten Beitrag zur kommunalen
Agenda 21 liefern, gibt es durchaus. Das von der BSJB und Unweltbehörde
geförderte "Fifty-Fifty Programm" zum Energiesparen, das Projekt
"Umweltverträgliche Schule", die Projekte "Wir fahren mit der HVV" und
"Fahrradfreundliche Schule" im Rahmen der ökologischen Verkehrserziehung, das
"Kulturenatelier" zum interkulturellen Lernen, die Projektangebote
"Zukunftsfähige Schule" (s.u.) und Partnerschaften mit Schulen und Projekten in
Ländern der Dritten Welt gehören zu den bekannteren Bemühungen. Es hat sie schon
vor Hamburgs Beitritt zur Aalborg Charta gegeben,
wenngleich der Auftrag,
eine kommunale Agenda 21 zu erstellen, spürbaren Rückenwind erzeugte.
Entscheidend ist die Frage nach der Breitenwirkung, nach der Bedeutung solcher
Projekte in der ganz "normalen" Schule, nach der Integration von Globalem Lernen
in den Unterricht.
Globales Lernen als pädagogische Antwort auf
Globalisierung
Es geht dabei nicht um einen neuen Fachbereich oder
vordergründig um die Kooperation bestimmter Fächer in der Behandlung wichtiger
globaler Themen und schon gar nicht um ein neues Fach. Globales Lernen versteht
sich als ein pädagogisches Grundprinzip, als Antwort der Bildung auf komplexe
Globalisierungsprozesse, die nahezu unbemerkt in unserem Rücken Realität
geworden sind und das Leben aller Menschen in zunehmendem Maße
bestimmen.
Räumlicher und zeitlicher Horizont unseres Handelns haben sich
entscheidend verändert, ohne dass wir uns auch nur annähernd über das Ausmaß
dieser Veränderungen im Klaren sind oder uns in unserem Handeln darauf
einstellen. Wer weiß schon, ob die Blumen auf der Fensterbank aus den Vierlanden
stammen oder aus Kolumbien eingeflogen wurden?
Auf dem Hintergrund der
zunehmenden wirtschaftlichen, politischen und technologischen Globalisierung ist
die kulturelle Identität zur Schlüsselfrage geworden. Auch in ihren
fundamentalistisch überzogenen Formen ist kulturelle, religiöse, ethnische,
nationale Identität als Folge wirtschaftlicher und politischer Globalisierung
erkennbar. Globales Lernen ist deshalb auch immer zugleich interkulturelles
Lernen. Der durch wachsende Kommunikation, Mobilität
und Migration zunehmende
Kontakt zwischen den Kulturen rückt diese Fragen stärker in das Zentrum von
Bildung.
Mit dem am Institut für Lehrerfortbildung (in Zusammenarbeit mit NRO
und Schulentwicklungseinrichtungen anderer Bundesländer und der Schweiz)
entwickelten Konzept Globales Lernen wird versucht, Ansätze zusammenzufassen, zu
strukturieren und weiterzuentwickeln, die auf diese gesellschaftlichen
Entwicklungen eingehen. Dabei stehen nicht Themen oder globale Schlüsselprobleme
im Vordergrund, sondern vier Grundaspekte des Lernens:
1.
Horizonterweiterung (Weltsicht) und Vernetzung
2. Zukunftsorientierung
3.
Orientierung an ethischen Prinzipien
4. Öffnung der Lernformen und
Methodenvielfalt
Globales Lernen kann sich im Schulalltag natürlich nur
an Themen vollziehen - sinnvollerweise an solchen, die jetzt und in Zukunft
relevant sind, lokalen Bezug und eine wichtige globale Dimension haben. Die
meisten der von Wolfgang Klafki herausgearbeiteten "epochal-typischen
Schlüsselprobleme" gehören dazu. Es ist der Stoff der großen Weltkonferenzen von
Rio bis Peking. Er sprengt nicht nur alle herkömmlichen Fachstrukturen, sondern
birgt aufgrund der Orientierung an globalen Risiken die Gefahr des
katastrophenorientierten Betroffenheitsunterrichts. Die Themenauswahl orientiert
sich deshalb nicht ausschließlich an Konfliktfeldern und arbeitet auch nicht
systematisch globale Risiken ab. Sie macht sich neben aller Problemorientierung
auf den Weg, faszinierende und Freude bereitende Weltbilder zu entdecken und zu
entwerfen.
Projekt "Zukunftsfähige Schule"
Diesem Ziel
dient das langfristig angelegte Projekt "Zukunftsfähige Schule". Es wird durch
die AG Globales Lernen angeschoben, die ein Teil der Arbeitsgemeinschaft
entwicklungspolitische Bildung und Öffentlichkeitsarbeit (AGeBÖ) ist. Zusätzlich
zu den bisherigen Kooperationen wird allen Hamburger Schulen eine Handreichung
angeboten, die in die Agenda 21 einführt und Schulen Anregungen gibt, sich an
dem Prozess der Erstellung und Umsetzung einer kommunalen Agenda zu beteiligen.
Ergebnisse bereits laufender und neuer Projekte sollen unter dem Leitthema
"Zukunftsfähige Schule" während der Eine-Welt-Filmtage vom 10. - 15. Juni 1997
der Öffentlichkeit vorgestellt und prämiert werden. Die ebenfalls von der AGeBÖ
organisierten Eine-Welt-Filmtage werden im Rahmen einer vom
Ausländerbeauftragten ins Leben gerufenen "Woche der interkulturellen Begegnung"
stattfinden. Sie laufen unter dem Thema "Agenda 21 und globale Gerechtigkeit".
Ziel ist es, in einem vielseitigen Rahmenprogramm engagierten Gruppen durch das
Medium Film eine größere Öffentlichkeit für ihre Anliegen zur lokalen Agenda 21
zu geben und Verbindungen zu Schulen herzustellen.
Zur Verbesserung
der Kommunikation wird (mit finanzieller Hilfe des BMZ, ABP, EWNW und IfL) am
Aufbau des Angebots "Globales Lernen/ Entwicklung und Umwelt" im Rahmen des
landesweiten Hamburger Schulwebservers (HSW) gearbeitet. Der vom Institut für
Lehrerfortbildung (IfL) betriebene Server bietet entwicklungspolitischen
Institutionen und NRO die Möglichkeit, direkt und kontinuierlich Kontakte zu
Schulen und AGs zu knüpfen, sich vor zustellen und auf Angebote und Projekte
hinzuweisen. Unterrichtsmaterialien, Kontaktadressen und ein
Veranstaltungskalender können abgerufen werden. Auch über das Internet besteht
ein
Zugang.
Die Bedeutung einer lokalen Agenda 21 für den
Bildungsbereich wird aber nicht nur an den entsprechenden Projekten einzelner
Schulen zu messen sein, sondern auch an den bildungspolitischen
Rahmenbedingungen. Da die Stadt Hamburg als Bundesland zugleich über
kulturpolitische Hoheitsrechte verfügt, wäre im Sinne der Agenda 21 zu fordern,
dass Schulgesetz und darauf aufbauende Bildungspläne günstige Rahmenbedingungen
für ein auf Zukunftsfähigkeit ausgerichtetes Lernen schaffen.
Der am 28.
Mai 1996 beschlossene und der Bürgerschaft zugeleitete Entwurf für ein
einheitliches Hamburgisches Schulgesetz sieht zahlreiche rechtliche und
organisatorische Veränderungen vor, die als Verbesserung der Rahmenbedingungen
gewertet werden können. Dem Anspruch, aktuelle bildungspolitische und
pädagogische Entwicklungen zu berücksichtigen, wird der Entwurf jedoch nicht
gerecht, wenn er daran gemessen wird, ob die Forderungen der Agenda 21 und der
großen Weltkonferenzen vergangener Jahre sowie die
bildungspolitischen
Konsequenzen der Globalisierung Eingang gefunden haben.
Die zusammenfassende Einführung der BSJB in den Gesetzesentwurf lässt dieses
Bewusstsein nicht erkennen und auch im Gesetzestext selber gibt es keinerlei
Bezüge - sieht man einmal von der (durchaus wichtigen) Einführung von
Umwelterziehung und Interkultureller Erziehung als Aufgabengebiete ab.
Unverständlich bleibt z.B., warum "Eine- Welt-Erziehung/Globales Lernen", die
sich aus einem
"Unterricht über die Dritte Welt" entwickelt haben - trotz
Befürwortung von vielen Seiten - als Aufgabengebiet unberücksichtigt bleiben.
Fächerübergreifender Unterricht und Projekte in diesem Aufgabenfeld spielen an
Hamburger Schulen durchaus kein Schattendasein und verdienen offizielle
Unterstützung.
Wer die Aufgabenstellung der Agenda 21 von Rio ernst
nimmt, auf größere Selbständigkeit und Mitverantwortung der einzelnen Schule
setzt, muss dafür sorgen, dass diese Ziele in den neuen Bildungsplänen verankert
werden und Lehrerinnen und Lehrer durch Fortbildungsmaßnahmen, Material- und
Projektangebote sowie außerschulische Kontakte die dringend notwendige
Unterstützung für diese schwierige Aufgabe erhalten. Wie in anderen Bereichen
des Agenda-Prozesses muss aber vor allem dafür gesorgt werden, dass sich
Initiativen von unten mit gesetzlichen Regelungen, politischen Prioritäten und
Richtlinien zusammenfügen und gegenseitig verstärken. Bemühungen von Schulen
könnten auf Dauer daran scheitern, wenn von Bildung etwas erwartet wird, was
Entscheidungsträger in der Politik nicht tun: Sich an Grundsätzen der
Partizipation und Solidarität zu orientieren, in größeren Räumen und Zeitspannen
zukunftsgerichtet und vernetzt zu denken und zu handeln.
Robert
Schreiber
http://www.globales-lernen.de/konzept/Schulage.htm

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