So viel Ordnung muss sein: Um 12.30 Uhr hat Konrad eine frische Hose bekommen. Auf einer Tafel wird über den Windelwechsel der Schützlinge Buch geführt. Ebenso sorgfältig notieren die Erzieherinnen die Schlafzeiten, denn für Mütter sind das wichtige Informationen. Abgesehen von den „buchhalterischen Pflichten“ hat Susanna Hoffmann alle Hände voll zu tun. Rechts kräht Konrad (eineinhalb Jahre), links sperrt Carl (1) den Mund auf. Die Erzieherin füttert stereo. Im Nachbarzimmer ist es still. Dort stehen sieben Betten. Nur gleichmäßige Atemzüge sind zu hören. Mittagszeit bei Minimax.
15 Kinder von vier Monaten bis sechs Jahren werden in der Modellgruppe „Minimax“ im Bielefelder Kindergarten Flachsfarm betreut. Ziel: Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Prädikat: bundesweit einzigartig. Projektleiterin Martina Ritzenhoff umreißt die Aufgabe so: „Wir kümmern uns um alles, was Eltern ins Schwitzen bringt.“
Öffnungszeiten von 6.30 bis 20.30 Uhr
Die maximalen Öffnungszeiten von 6.30 bis 20.30 Uhr sind nur ein Kennzeichen von Minimax. Hinzu kommen ein Bring- und Abholdienst, Betreuung auch nachts und am Wochenende… Die flexible Dienstleistung für berufstätige Eltern macht Minimax ungewöhnlich. Einzigartig aber wird das Modell durch seine Finanzierung als Public-Private-Partnership-Modell.
„Bei uns sitzen die Kommune, der Träger und mehrere Unternehmen an einem Tisch“, sagt die Diplompädagogin. „Es setzt voraus, dass der Träger gute Kontakte zur Wirtschaft hat“, erklärt Ritzenhoff. Bei der Von-Laer-Stiftung, engagiert in mehreren Einrichtungen der Jugendhilfe, ist das der Fall.
Die Rechnung klingt nicht schwierig: Die Kommune fördert eine kleine altersgemischte Gruppe. Die Eltern zahlen den üblichen, einkommensabhängigen Elternbeitrag. Und die Unternehmen geben eine Pauschale von 345 Euro - für den Betreuungsplatz und für die erweiterten Dienstleistungen. Nur bestimmte Leistungen wie die Betreuung während Dienstreisen müssen Eltern selbst bezahlen.
„Wir müssen weg vom Basteltanten-Image“
„Ein gutes Modell“, findet Klaus Dreyer vom Landesjugendamt Westfalen-Lippe. Auf die Frage „Warum es nicht mehr Einrichtungen wie Minimax gibt?“ weiß der Referatsleiter keine Antwort. Quantitativ sei NRW gut aufgestellt. „Wir haben bei den Kindern von drei bis sechs Jahren eine Vollversorgung“, sagt Dreyer.
Seitdem es seit 1996 den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz gibt, wurde das Angebot ausgebaut. Angesichts des Geburtenrückgangs gelte es, umzustrukturieren hin zu flexibleren Zeiten und der Betreuung der Unter-Drei-Jährigen, sagt Dreyer. Die Landschaft verändere sich - langsam.
Für Beschleunigung möchte das Familienministerium sorgen. Mitte Mai hat Minister Armin Laschet sein Pilotprojekt gestartet und 250 Kindertagesstätten in NRW zu Familienzentren erklärt. Neben Betreuung werden sie den Eltern Bildung und Beratung, aber auch Service wie die Vermittlung von Tagesmüttern bieten. 3000 der 9700 Kindertagesstätten sollen bis 2012 Familienzentren werden.
Was das Ministerium derzeit mit den Familienzentren plant, gehört bei Minimax längst zum Programm: „Wir wollen die Mütter und Väter mit ihren Sorgen und Fragen auffangen“, sagt Ritzenhoff. Es gibt ein Bildungs- und Freizeitangebot. Halbjährliche Gespräche mit den Eltern sind Pflicht.
Das Programm für die Kinder ist situationsabhängig. „Wir müssen weg vom Basteltanten-Image“, sagt die Erzieherin. Die Kinder dürfen viel. „Bei uns gehen sie schon mal über Tische und Stühle“, sagt Ritzenhoff. Doch wer vom Tisch springt, lernt auch, dass das weh tun kann. Oft geht’s raus in den Garten. Bei Wind und Wetter wird die Gummihose angezogen. Und dann rauf aufs Dreirad! Ordnung ist da nur noch Nebensache.
http://www.rp-online.de/public/article/nachrichten/wissenschaft/bi ldung/336493

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