Populistische Ideen dieser Art bieten ganz sicher keine ernsthaften Lösungen. Solche Maßnahmen würden die Kluft zwischen Mittelstands- und Armutsmilieu weiter verstärken. Eine schnelle Patentlösung gibt es nicht. Denn zu einer erfolgreichen Integration gehört mehr als die Aufstockung personeller Ressourcen im Schulbereich oder gar die Androhung von Sanktionsmaßnahmen.
Ein erster Schritt wäre es schon, wenn wir zunächst einmal die Tatsache akzeptieren, dass die Entwicklungs- und Bildungschancen von Kindern in Deutschland in unzulässigem Maße von ihrem sozialen und ökonomischen Umfeld abhängig sind. Seit Jahren bestätigen uns dies nationale und internationale Studien. Diese Ergebnisse führen aber nicht dazu, dass sich die reale Situation von Kindern und Familien oder die Rahmenbedingungen pädagogischer Einrichtungen verbessern. Das Thema "Chancengerechtigkeit" spielt für die Mehrzahl politischer Entscheider eine untergeordnete Rolle. In einer Studie zur frühkindlichen Bildung der Bertelsmann Stiftung vom Herbst 2005 rangiert es nur auf Platz 8 von insgesamt 10 genannten Herausforderungen. Wer die Notwendigkeit zum Handeln nicht erkennt, kann auch nicht entsprechend handeln. Breitere gesellschaftliche Debatten über materielle, kulturelle und soziale Armut von Kindern in Deutschland scheinen daher weiterhin notwendig.
Soziale Segregation findet in allen Lebensbereichen statt. Bereits
ab der Geburt erfahren Kinder aus Familien mit geringeren sozialen und
kulturellen Ressourcen eine Benachteiligung gegenüber Familien mit höherem
Einkommen und Bildungsnähe. Diese Chancenungleichheit begleitet die Kinder
meist ihr ganzes Leben. Der Teufelskreis kann nur durchbrochen werden, wenn man
jene Familien ganzheitlich fördert. Nicht allein das Kind steht im Mittelpunkt,
sondern auch die Eltern. Sie müssen verstärkt in die Bildungsentwicklung ihrer
Kinder integriert werden. Aber auch ihr eigener Bildungsstand muss erweitert
und für die kindlichen Bedürfnisse sensibilisiert werden.
Erste gute Praxisbeispiele hierfür gibt es. Beispielsweise das mit
dem deutschen Präventionspreis ausgezeichnete Projekt "Monheim für Kinder" oder
"Opstapje - Schritt für Schritt" vom Deutschen Jugendinstitut. Mit einem
Hausbesuchsprogramm wurden hier gerade jene Familien erreicht, die aufgrund
sprachlicher oder anderer sozialer Ängste eine Einrichtung nicht von sich
aus aufsuchen. Viel versprechend ist auch der Ansatz von Familienzentren, die
Eltern eine frühe Beratung, Information und Hilfe in verschiedenen Lebensphasen
bieten und in denen unterschiedliche Fachkräfte in der Kommune vernetzt
miteinander arbeiten. Diese Familienzentren sind Ausgangspunkt für soziale
Gestaltungsprozesse im Stadtteil. Sie setzen bewusst im Elementarbereich an, um
die Nähe und die Vertrauensverhältnisse zwischen den Eltern und Kitas zu
nutzen. Nachdenklich stimmt jedoch, dass derzeit einige politische Entscheider
solche Konzepte propagieren und zeitgleich Budgetkürzungen beschließen. So will
NRW rund 200 Millionen Euro bei Kitas einsparen und bis zum Jahr 2010
flächendeckend Familienzentren eröffnen.
Solche Meldungen sind umso alarmierender vor dem Hintergrund, dass
Deutschland durchschnittlich nur rund halb so viel in Kindertageseinrichtungen
investiert wie andere europäische Staaten. Die Schweden investieren im
Vergleich sogar die fünffache Summe ihres Bruttosozialproduktes. Mit Blick auf
die hohen Integrationsleistungen von Kitas erscheint eine umfassendere und
zielgerichtete Finanzierung zwingend notwendig. Kinder mit schlechteren
Startchancen müssen besondere Unterstützungen erfahren. Ihre kulturelle
Verschiedenheit sowie ihre Schichtzugehörigkeit dürfen nicht als Ausgrenzung
sondern sollten als Bereicherung gesehen werden.
Kulturelle Vielfalt bedeutet auch, die Muttersprache der jeweiligen
Kulturen zu respektieren. Sie bildet die innige Verbindung zwischen dem Kind
und seinen Eltern. Darauf aufbauend kann die Vermittlung weiterer Sprachen
erfolgen. Mit reinen Sprachtests oder einseitigen Sprachförderkursen kann man
das allerdings nicht erreichen. Nachhaltigkeit kann dieser Form von Förderung
nicht attestiert werden. Auch hier zeigt sich am Beispiel des Programmes Family
Literacy, das in Großbritannien und den USA seit Jahren im Bildungskanon
integriert ist, dass nur ein ganzheitlicher Sprachförderungsansatz nachhaltigen
Erfolg hat. Sprache muss in die Alltagswelt der Kinder und ihren Familien
eingebunden sein und nicht begrenzt auf formelle Bildungsorte. Darüber hinaus
haben Pädagogen und Eltern gegenüber den Kindern die Verpflichtung, ihnen
Geschichte, Tradition und Kultur zu vermitteln. Ihr Reichtum an Wissen darf den
Kindern nicht verwehrt bleiben. Auf dieser Basis kann eine soziale Grundlage
aufbauen. Kindertageseinrichtungen haben das Potenzial, dieses Grundlage für
gesellschaftliche Integration und Teilhabe zu schaffen. Sie sind tägliches
Beispiel dafür, dass soziales Miteinander und nicht soziale Selektion der
gesellschaftliche Kitt sind. Eine erfolgreiche Bildungs- und Integrationsarbeit
in Kitas bedarf neben gut qualifizierten und motivierten Pädagogen aber auch
einer ausreichende Finanzierung und guter Rahmenbedingungen für pädagogische
Arbeit. Wenig hilfreich ist öffentlich lautes Getöse bei realem Rückbau von
Infrastruktur und Qualität.
http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/nachric hten_18651.htm

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