Nachrichten Service Rubriken Grundschule Sek. I Sek. II Förderschulen Sonstiges Shop

Integration fängt spätestens im Kindergarten an / Kommentar von Anette Stein, Projekt "Kinder früher fördern" der Bertelsmann Stiftung

Die Integrationsdebatte schlägt zurzeit hohe Wellen. Nach dem Hilferuf der Lehrerinnen und Lehrer aus der Rütli-Schule in Neukölln wird, wie so oft, eine schnelle Lösung für ein Problem gesucht, das sich über Jahre angekündigt hat. Stimmen werden laut, Integrationsverweigerer mit Sanktionen zu bestrafen. Die Vorschläge reichen von der Kürzung sozialer Leistungen, über Zwangsunterbringung aggressiver Schüler in Internaten bis hin zu Gefängnisaufenthalten und Ausweisung.



Populistische Ideen dieser Art bieten ganz sicher keine ernsthaften Lösungen. Solche Maßnahmen würden die Kluft zwischen Mittelstands- und Armutsmilieu weiter verstärken. Eine schnelle Patentlösung gibt es nicht. Denn zu einer erfolgreichen Integration gehört mehr als die Aufstockung personeller Ressourcen im Schulbereich oder gar die Androhung von Sanktionsmaßnahmen.

 

Ein erster Schritt wäre es schon, wenn wir zunächst einmal die Tatsache akzeptieren, dass die Entwicklungs- und Bildungschancen von Kindern in Deutschland in unzulässigem Maße von ihrem sozialen und ökonomischen Umfeld abhängig sind. Seit Jahren bestätigen uns dies nationale und internationale Studien. Diese Ergebnisse führen aber nicht dazu, dass sich die reale Situation von Kindern und Familien oder die Rahmenbedingungen pädagogischer Einrichtungen verbessern. Das Thema "Chancengerechtigkeit" spielt für die Mehrzahl politischer Entscheider eine untergeordnete Rolle. In einer Studie zur frühkindlichen Bildung der Bertelsmann Stiftung vom Herbst 2005 rangiert es nur auf Platz 8 von insgesamt 10 genannten Herausforderungen. Wer die Notwendigkeit zum Handeln nicht erkennt, kann auch nicht entsprechend handeln. Breitere gesellschaftliche Debatten über materielle, kulturelle und soziale Armut von Kindern in Deutschland scheinen daher weiterhin notwendig.



Soziale Segregation findet in allen Lebensbereichen statt. Bereits ab der Geburt erfahren Kinder aus Familien mit geringeren sozialen und kulturellen Ressourcen eine Benachteiligung gegenüber Familien mit höherem Einkommen und Bildungsnähe. Diese Chancenungleichheit begleitet die Kinder meist ihr ganzes Leben. Der Teufelskreis kann nur durchbrochen werden, wenn man jene Familien ganzheitlich fördert. Nicht allein das Kind steht im Mittelpunkt, sondern auch die Eltern. Sie müssen verstärkt in die Bildungsentwicklung ihrer Kinder integriert werden. Aber auch ihr eigener Bildungsstand muss erweitert und für die kindlichen Bedürfnisse sensibilisiert werden.



Erste gute Praxisbeispiele hierfür gibt es. Beispielsweise das mit dem deutschen Präventionspreis ausgezeichnete Projekt "Monheim für Kinder" oder "Opstapje - Schritt für Schritt" vom Deutschen Jugendinstitut. Mit einem Hausbesuchsprogramm wurden hier gerade jene Familien erreicht, die aufgrund sprachlicher oder anderer sozialer Ängste eine Einrichtung nicht von sich aus aufsuchen. Viel versprechend ist auch der Ansatz von Familienzentren, die Eltern eine frühe Beratung, Information und Hilfe in verschiedenen Lebensphasen bieten und in denen unterschiedliche Fachkräfte in der Kommune vernetzt miteinander arbeiten. Diese Familienzentren sind Ausgangspunkt für soziale Gestaltungsprozesse im Stadtteil. Sie setzen bewusst im Elementarbereich an, um die Nähe und die Vertrauensverhältnisse zwischen den Eltern und Kitas zu nutzen. Nachdenklich stimmt jedoch, dass derzeit einige politische Entscheider solche Konzepte propagieren und zeitgleich Budgetkürzungen beschließen. So will NRW rund 200 Millionen Euro bei Kitas einsparen und bis zum Jahr 2010 flächendeckend Familienzentren eröffnen.



Solche Meldungen sind umso alarmierender vor dem Hintergrund, dass Deutschland durchschnittlich nur rund halb so viel in Kindertageseinrichtungen investiert wie andere europäische Staaten. Die Schweden investieren im Vergleich sogar die fünffache Summe ihres Bruttosozialproduktes. Mit Blick auf die hohen Integrationsleistungen von Kitas erscheint eine umfassendere und zielgerichtete Finanzierung zwingend notwendig. Kinder mit schlechteren Startchancen müssen besondere Unterstützungen erfahren. Ihre kulturelle Verschiedenheit sowie ihre Schichtzugehörigkeit dürfen nicht als Ausgrenzung sondern sollten als Bereicherung gesehen werden.



Kulturelle Vielfalt bedeutet auch, die Muttersprache der jeweiligen Kulturen zu respektieren. Sie bildet die innige Verbindung zwischen dem Kind und seinen Eltern. Darauf aufbauend kann die Vermittlung weiterer Sprachen erfolgen. Mit reinen Sprachtests oder einseitigen Sprachförderkursen kann man das allerdings nicht erreichen. Nachhaltigkeit kann dieser Form von Förderung nicht attestiert werden. Auch hier zeigt sich am Beispiel des Programmes Family Literacy, das in Großbritannien und den USA seit Jahren im Bildungskanon integriert ist, dass nur ein ganzheitlicher Sprachförderungsansatz nachhaltigen Erfolg hat. Sprache muss in die Alltagswelt der Kinder und ihren Familien eingebunden sein und nicht begrenzt auf formelle Bildungsorte. Darüber hinaus haben Pädagogen und Eltern gegenüber den Kindern die Verpflichtung, ihnen Geschichte, Tradition und Kultur zu vermitteln. Ihr Reichtum an Wissen darf den Kindern nicht verwehrt bleiben. Auf dieser Basis kann eine soziale Grundlage aufbauen. Kindertageseinrichtungen haben das Potenzial, dieses Grundlage für gesellschaftliche Integration und Teilhabe zu schaffen. Sie sind tägliches Beispiel dafür, dass soziales Miteinander und nicht soziale Selektion der gesellschaftliche Kitt sind. Eine erfolgreiche Bildungs- und Integrationsarbeit in Kitas bedarf neben gut qualifizierten und motivierten Pädagogen aber auch einer ausreichende Finanzierung und guter Rahmenbedingungen für pädagogische Arbeit. Wenig hilfreich ist öffentlich lautes Getöse bei realem Rückbau von Infrastruktur und Qualität.

 

http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/nachric hten_18651.htm


 
 Diese Seite per Email weiter empfehlen  ·   Druckversion
 · 
 Newsletter abonnieren

 


Bestellen Sie gleich hier Ihren Newsletter:
Ihr Name:

Ihre Emailadresse:


Produkte aus unserem Shop:
Lebenskrisen als Chance zum Neubeginn
Anzeige
Beamtendarlehen
Anzeige
Anzeige
Naturamed
Anzeige
steuertipps.de
Anzeige
FWU-Shop
Copyright © 2007 TeachersNews
Hosted by Oberdieck Online GmbH       an den Seitenanfang springen